Donnerstag, 21. Juni 2012


Renate 
Nachhauseweg als Tier

Als mittelgroßes Äffchen bin ich in hellbraunes Fell gekleidet, und meine vier Pfoten und der lange Schwanz verschaffen mir große Bewegungsfreiheit.
Wenn ich den Mund öffne, zeige ich sehenswerte Eckzähne. Ich liebe es nicht so sehr, auf dem flachen Boden zu laufen. Daher suche ich mir auf meinem Weg zum Bus Stufen, Mäuerchen und Bäume um bis zur Haltestelle zu turnen.
Plötzlich entdeckt mich ein größerer Junge auf einem Skateboard. Hey, cool, ruft er und schießt auf meinen Schwanz zu. Vergeblich! Ein schneller Sprung, und ich bin auf einem Ast, von dem ich interessiert ein herumkugelndes fluchendes Etwas betrachte.
An der Haltestelle falle ich zwischen den Wartenden zunächst nicht auf, kaum einer schaut nach unten. Die Wartebank scheint mir sauberer, also hüpfe ich hinauf, worauf ich schnell erstaunte und neugierige Blicke auf mich ziehe. Jemand versucht mich anzufassen, aber wer lässt sich schon gerne begrapschen. Ich beiße ihn in die Hand. Die restliche Wartezeit verbringe ich ruhig mit freundlich entblößten Zähnen.
Da hält auch schon der Bus. Am Fahrer schleiche ich mich ganz unten vorbei und wiesele zwischen all den Beinen hindurch bis in den hinteren Busteil. Dort setze ich mich artig auf einen Sitzplatz neben eine Frau. Als sie mich entdeckt, klappt ihr Mund lautlos auf und sie starrt mich unhöflich an. Ich lege meinen Schwanz auf die andere Seite. Da sie nichts sagt, wird sie mir sympathischer.
Der Bus hält, Leute drängen herein. Eine ältere Dame entdeckt mich und schreit. Erschreckt springe ich meiner Nachbarin an den Hals und klammere mich in ihre Haare. Nun schreit auch sie. An der nächsten Haltestelle bin ich am Ziel und im hohen Bogen draußen. 
Auf dem kurzen Heimweg vom Bus treffe ich noch zwei räudige Köter mit ihren Menschen an der Leine. Die Vierbeiner werden sofort von Tobsuchtsanfällen geschüttelt, begleitet von wütendem Gekläff, während von oben Worte wie „Pfui!“, „Aus!“, Platz!“ herunterprasseln. Allein, sie platzen nicht.
Wie am Galgen hängend würgen sie auf zwei Beinen an ihren Leinen und führen  nun ihre Menschen schleudernd Gassi. Ich sitze derweil längst gegenüber auf einem Zaunpfeiler und sehe den armen torkelnden Stänkern mit ihrem abgeschnürten Geröchel amüsiert zu.
Zu Hause angekommen putze ich  mir die widerwärtigen Hunde- und Menschengerüche ab, lause mich ein wenig und habe endlich meine Ruhe. Kann sich denn niemand angesichts eines Affen ordentlich benehmen?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen