Donnerstag, 31. Oktober 2024

Wo bin ich jetzt, wo möchte ich hin

 Maren

Ich lebe im Wald, nahe dem Schwarzforst. Hier ist alles grün, es gibt keine Nuance Grün, die hier nicht zu finden ist. Jeder Baum, jeder Strauch hat seine besondere Färbung. Das kleine Haus in dem ich lebe, ist aus Massivholz. Die alten dunklen, rauchgeschwärzten Balken gab es schon immer, sie werden auch den nächsten Generationen ein sicheres Gefühl geben, allerdings auch keine Veränderung zulassen.

Wenn ich in den nächsten kleinen Ort gehe, muss ich zuerst den Schwarzforst durchqueren, dann beginnen die lichteren Birkenwälder bis diese von Wiesen und Feldern abgelöst werden.

Im einzigen Geschäft des Ortes gibt es Grundnahrungsmittel sowie Werkzeuge. Ich bin Waldaufseher und habe eine kleine Auffangstation für kranke Tiere, die im Wald in Not geraten sind. Deshalb sind dort auch Basisprodukte für den Veterinär vorrätig.

Vor Kurzem las ich in dem gratis ausgelegten Blatt ‚Der Waldbote‘ eine Anzeige, die mich elektrisierte. In der Anzeige war eine junge Frau in einem rotgepunkteten Badeanzug abgebildet. Sie lag in einem Liegestuhl an einem weißen Strand. Sie richtete ihre Sonnenbrille und trank etwas Hellrotes aus einem breiten Glas. Es war, als schaute sie mich direkt an. Ihr Blick traf mein Innerstes.

Da will ich hin. Unbedingt! Endlich diesen schwarzen dunklen Wald verlassen und dort sein, wo die Sonne mich wärmt und wo Schatten ein Fremdwort ist.

Es dauert etwas bevor ich die Reise antreten kann, die Tiere müssen versorgt werden, ich muss mich um eine Vertretung kümmern. Ich schaffe es bald, die Reise wird beschwerlich, aber der rotgepunktete Badeanzug wird mein Kompass.

Die Reise beginnt am 24.Mai, das Flugzeug hebt pünktlich ab, der Zielhafen wird ebenfalls zur angegebenen Zeit erreicht, nun folgen Fahrten mit Schiffen, später mit kleinen Booten.

Am Ziel angekommen hole ich den ‚Waldboten‘ aus meiner Tasche. Ich lege ihn in einer Eisdiele auf den Tisch und versuche, mein Gefühl wiederzufinden, das mich im Wald fast um den Verstand gebracht hat.

Ich werde noch etwas suchen müssen, inzwischen esse ich Eis, trinke Hellrotes aus einem breiten Glas, bade und halte Ausschau nach einem rotgepunkteten Badeanzug.

 

Freitag, 25. Oktober 2024

Wo ich lebe und wo ich gerne wäre

Elke

Ich lebe am Rande eines Mischwaldes in einem kleinen, abgelegenen Bergdorf.

Die Menschen hier sind Bauern und leben von Ackerbau und Viehzucht. Die Rinder, Schweine und Schafe bleiben das ganze Jahr über auf den Weiden. Wir essen viel Mais, Buchweizen und Quinoa, was auf unseren Feldern angebaut wird. Im Gebirgsfluss und dem angrenzenden See leben viele Fischarten, die die Männer fangen und räuchern, damit sie haltbarer sind.

Wir sind Selbstversorger; nur ab und zu reiten ein paar Männer des Dorfes los, um in der nächsten Stadt Zucker, Salz, Gemüse und Haushaltswaren zu kaufen. Sie verkaufen dort auch Fische, Tierfelle und bestickte Tücher, die unsere Frauen am Abend fertigen.

Ich fühle mich sehr wohl in unserer Gemeinschaft und dachte nicht daran, meine Familie und Freunde zu verlassen, bis ein Geschichtenerzähler in unser Dorf kam und von einer ganz anderen Welt berichtete.

Schon als ganz kleines Mädchen mochte ich alles, was glitzerte. Die Sonnenreflexe auf dem Wasser oder Glasscherben, in denen sich das Licht bricht, faszinierten mich.

Der Erzähler berichtete, dass in seiner Welt alles, ja absolut alles funkelt und glitzert. Selbst Häuser und Wege sind mit kleinen Kristallen bestreut, die beim geringsten Lichteinfall noch im Dunkeln blinken. Auch schmeckt alles süß. Die Bewohner ernähren sich nur von süßen Früchten, Pfannkuchen und den leckersten Torten und Eissorten.

„Süß“ war ebenso ein großes Reizwort für mich. Außer in den seltenen Fällen, wo eine Bienenwabe gefunden wurde, gab es nichts Süßes bei uns. So lockte mich diese fremde Welt des Erzählers immer mehr und ich wollte gerne dort hin. Heimlich fragte ich ihn, ob er mich mitnehmen könnte. Meine Eltern und Freunde durften nichts davon wissen, sie würden mich nicht gehen lassen, das wusste ich.

Der Erzähler, mit Namen Nomin, machte ein nachdenkliches Gesicht, wiegte seinen Kopf hin und her und meinte dann zu mir: “Wir müssen die nächste Neumondnacht abwarten. Wenn es ganz dunkel ist, kannst du unseren Planeten Sanim glitzernd im Weltall erkennen.“

„Und wie kommen wir dahin? “ fragte ich atemlos.

„Du reist auf deinen Gedanken und hast jetzt noch sechs Tage Zeit, das zu üben“ antwortete Nomin.

Wie das funktionierte, musste mein Reiseleiter mir noch erklären. Mit meinen zehn Jahren hatte ich schon einiges in der Schule gelernt, aber nicht, wie man auf Gedanken reiste.

Von da an verbrachte ich viel Zeit mit Nomin und Gedankenexperimenten, deren Hauptbestandteil Konzentration bedeutete. Das fiel mir in der Schule schon schwer, aber jetzt ging es nicht um Zahlen oder tote Kaiser sondern um Glitzer und Süßes.

Ich sollte mir detailreich in aller Deutlichkeit ausmalen, was ich auf dem Planeten Sanim vorfinden möchte, denn dort würden sich Wünsche erfüllen. Das wäre, einmal dort angekommen, sehr einfach: Glitzerstaub aufheben, in die Luft werfen und sich etwas wünschen. Vor Aufregung, was alles möglich wäre, konnte ich mich gar nicht beruhigen. Kein mühseliges Lernen in der Schule, kein Stall ausmisten, kein Unkraut zupfen oder sich von großen Jungs ärgern lassen. Nur Glitzertsaub in die Luft werfen und alles wäre erledigt, auch die großen Jungs!

Sehnsüchtig wartete ich auf den Neumond – der diesen Monat gar nicht kam, auch im nächsten nicht.

Ich hatte viel Zeit, um Konzentrationsübungen zu machen.

 

Dienstag, 22. Oktober 2024

Gedächtnis

Maren

Gedächtnis, dieses große Ungebilde.

Es soll leisten, leisten und bekommt wenig Anerkennung, wenn es funktioniert. Anderenfalls wird es beschimpft, oft übel.

Es fallen Worte wie: blöd, alt, dement, vergesslich, unaufmerksam, senil, falsche Pillen bekommen, … In diesem Sinn wird es niedergemacht.

Das arme Gedächtnis, es bemüht sich. Stets.

Aber ist es voll, dann muss der Inhalt verarbeitet werden, Informationen, Gedanken in Beziehung gebracht, geformt werden.

Und schon kommt die nächste Fuhre.

Besonders schlimm sind Fetzen aus TV-Ereignissen und Medien an sich. Es kann sich nicht wehren. Der ganze Informations-Brei verlangt Einlass. Wie soll es nur umgehen mit diesen schnellen Halbwahrheiten, der zerrissenen Gemengelage von flüchtig Gehörtem?

Das Gedächtnis müsste eine Wartepforte einrichten. Aus der dann entstehenden Warteschlange werden nur für das Gedächtnis relevante Themen vorgelassen, alle anderen haben sich hinten wieder anzustellen. Guter Vorschlag?

 

Samstag, 12. Oktober 2024

Die Gartenpforte oder die Fülle des Lebens

Loretta

Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen. Meine Großeltern lebten am Stadtrand, und alles war noch sehr ländlich. 

Es gab diese bodenständigen Siedlungshäuser, die vorne an der Straße standen, die Grundstücke waren schmal, aber ellenlang, nach hinten hinaus, und dort wirtschafteten alle in ihren Gärten. Wir waren Selbstversorger und hatten in den Nachkriegsjahren genug zu essen.

Fast überall gab es Hunde und Katzen. Die gehörten zum ländlichen Leben einfach dazu. Sie stromerten frei durch die Gegend, begegneten sich, was mal gut und mal schlecht ausging und stellten sich zur Fressenszeit wieder zu Hause ein.

Natürlich habe ich als Kind auch mit ihnen gespielt, ich erinnere mich, es gab im Laufe der Jahre Bello, Kora, Harras, alles Hunde, und Egon, den Kater; aber sie waren nicht in erster Linie für mich als Spielkameraden oder gar Spielzeug da. Sie gehörten sich selbst. Und wählten ihre Aufgaben selbst: schützen, wärmen, trösten, da sein.

Im Garten wuchsen rechts die Bohnen, Erbsen, Wurzeln, und hinten der Kohl. Links, den ganzen Weg nach hinten entlang, gab es die Früchte, Stachelbeeren, Himbeeren, Brombeeren. Dann kam der große Apfelbaum. Den Duft dieser Äpfel habe ich noch heute in der Nase.

Ganz am Ende des Gartens gab es eine Pforte in den angrenzenden Garten, so konnte man sich als Nachbarn direkt besuchen, ohne nach vorne über die Straße laufen zu müssen. Dort ging es dann für mich in den Garten der alten Minna Köhler. Sie war sehr alt und sehr arm. Arm sein war für mich als Kind bedeutungslos. Alle in der Straße besaßen nichts und hatten doch genug. Der Garten versorgte mit allem. Und Minna besuchen hieß: in uralten Zeitschriften blättern können und ihre wunderbaren, selbsteingemachten Dillgurken essen, die besten auf der ganzen Welt.

 

Rondell „Das Glück im Kleinen“

Dillgurken im Weckglas

Ich erinnere diese Köstlichkeit meiner Kindheit

Damals war Glück so einfach

Dillgurken im Weckglas

Die Highlights des Lebens leuchten auf und vergehen

Das Besondere im Unbedeutenden bleibt

Dillgurken im Weckglas

Ich erinnere diese Köstlichkeit meiner Kindheit

 

 

 

Das kleine Gartenhaus

Maren

 

Ich erinnere mich, dass meine Großeltern nach dem Krieg in einem kleinen Gartenhaus wohnten. Das Haus war funktionell und zweckmäßig eingerichtet. Die drei kleinen Räume boten keinen Komfort, hatten aber die nötigen Möbel und Dinge, um eine gewisse Gemütlichkeit auszustrahlen. Die Eingangstür war durch einen Windfang geschützt. Zur Küche musste man von der Stube aus eine kleine Stufe hinab gehen. In der Küche heizte ein Herd den Raum und diente auch zum täglichen Kochen. Zur Küche hin gab es eine Tür, an dieser Tür war eine Kaffeemühle angebracht. Die Tür verwandelte sich durch das Mahlen der Kaffeebohnen in einen Resonanzkörper. Sie vibrierte und klang - dieser Sound begleitet mich bei der Erinnerung, er ist in meiner Seele. Das kleine Gartenhaus meiner Großeltern war jetzt eine Konzerthalle, erfüllt mit den rotierenden Mahlgeräuschen, dem pfeifenden Kessel auf dem Herd, dem Ausklopfen der Tabakpfeife meines Großvaters und dem Rascheln beim Umblättern einer Zeitung. Kein Synthesizer hätte heute eine wohlfeinere Klangfarbe der Vergangenheit mischen können.

Nun, wo ich mich kurz in die Erinnerung fallen lasse, dringt mir noch der Kaffeeduft in die Nase gemischt mit dem spezifischen Geruch des kleinen, alten, etwas modrig riechenden Gartenhauses.

 

Freitag, 20. September 2024

Unbewegliche Hitze

 Lena

Der Juli war kochend. Vor allen Fenstern waren die verblichenen Rollos heruntergezogen. Die Menschen, die das Haus bewohnten, bewegten sich durch eine sirupgelbe Dämmerung, glitten ohne zu sprechen aneinander vorbei, wie Fische in einem trüben Aquarium. 

Jedes gesprochene Wort hätte zu viel Energie gekostet, hätte die Körper, die schon genug damit zu tun hatten Sauerstoff aus der stickigen, ihre Atemwege erdrückenden Luft zu saugen, unnötig angestrengt. So kämpfte jede Person für sich, ihren stillen Kampf gegen die Hitze. Vielleicht wäre im Gespräch die Idee entstanden, zur Abkühlung zum nahegelegenen See zu fahren. Oder zumindest hätte mit den gesammelten, verbleibenden Kräften das alte Plantschbecken reaktiviert werden können. Doch nichts dergleichen geschah. Keine Bewegung außer den schleichenden Körpern, die unterschiedlich schnelle, aber allesamt schwere Atemzüge nehmen mussten, um an den überlebensnotwendigen Sauerstoff zu gelangen. Und so schlich Stunde um Stunde dahin. Tag um Tag. Und sie bewegten sich wie Schatten ihrer selbst durch ihre verzweifelt verdunstenden Schweißperlen immer trüber werdende Luft der Wohnung. Kein offenes Fenster hätte sie klarer machen können. Auch außen lag nur noch Verzweiflung in der Luft. Denn nicht einmal in der Dunkelheit der Sommernächte fielen die Temperaturen unter 35 Grad. Die so viele Jahre im Sommer herbeigesehnte Sonne war zur Plage geworden, die sie davon abhielt ihr Refugium, die Welt hinter den Fensterschreiben und den zum Schutz herabgelassenen Rollos, zu verlassen. Vielleicht hatte der Wandel des Klimas den nahegelegenen See auch bereits ausgetrocknet. Niemand wusste es so genau. Es wollte aber auch niemand von ihnen Nachrichten hören. Die Berichte von den Waldbränden waren noch unerträglicher als die Hitze. Und wahrscheinlich wäre das Plantschbecken im Garten aufgrund des Wassermangels ohnehin verboten gewesen. Aber niemand hatte mehr die Energie, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen, was noch erlaubt war und was nicht. Weiteratmen. In der Wohnung umhergeistern, nur nicht ganz zum Stillstand kommen, die Sonne so gut wie möglich meiden und aussperren. Das waren die Devisen.

Beginn der Geschichte aus: Dörte Hansen, Altes Land, 2015, Albrecht Knaus Verlag, München, S.7