Elke
Ich lebe am Rande eines Mischwaldes in einem kleinen, abgelegenen Bergdorf.
Die Menschen hier sind Bauern und leben von Ackerbau und Viehzucht. Die Rinder, Schweine und Schafe bleiben das ganze Jahr über auf den Weiden. Wir essen viel Mais, Buchweizen und Quinoa, was auf unseren Feldern angebaut wird. Im Gebirgsfluss und dem angrenzenden See leben viele Fischarten, die die Männer fangen und räuchern, damit sie haltbarer sind.
Wir sind Selbstversorger; nur ab und zu reiten ein paar Männer des Dorfes los, um in der nächsten Stadt Zucker, Salz, Gemüse und Haushaltswaren zu kaufen. Sie verkaufen dort auch Fische, Tierfelle und bestickte Tücher, die unsere Frauen am Abend fertigen.
Ich fühle mich sehr wohl in unserer Gemeinschaft und dachte nicht daran, meine Familie und Freunde zu verlassen, bis ein Geschichtenerzähler in unser Dorf kam und von einer ganz anderen Welt berichtete.
Schon als ganz kleines Mädchen mochte ich alles, was glitzerte. Die Sonnenreflexe auf dem Wasser oder Glasscherben, in denen sich das Licht bricht, faszinierten mich.
Der Erzähler berichtete, dass in seiner Welt alles, ja absolut alles funkelt und glitzert. Selbst Häuser und Wege sind mit kleinen Kristallen bestreut, die beim geringsten Lichteinfall noch im Dunkeln blinken. Auch schmeckt alles süß. Die Bewohner ernähren sich nur von süßen Früchten, Pfannkuchen und den leckersten Torten und Eissorten.
„Süß“ war ebenso ein großes Reizwort für mich. Außer in den seltenen Fällen, wo eine Bienenwabe gefunden wurde, gab es nichts Süßes bei uns. So lockte mich diese fremde Welt des Erzählers immer mehr und ich wollte gerne dort hin. Heimlich fragte ich ihn, ob er mich mitnehmen könnte. Meine Eltern und Freunde durften nichts davon wissen, sie würden mich nicht gehen lassen, das wusste ich.
Der Erzähler, mit Namen Nomin, machte ein nachdenkliches Gesicht, wiegte seinen Kopf hin und her und meinte dann zu mir: “Wir müssen die nächste Neumondnacht abwarten. Wenn es ganz dunkel ist, kannst du unseren Planeten Sanim glitzernd im Weltall erkennen.“
„Und wie kommen wir dahin? “ fragte ich atemlos.
„Du reist auf deinen Gedanken und hast jetzt noch sechs Tage Zeit, das zu üben“ antwortete Nomin.
Wie das funktionierte, musste mein Reiseleiter mir noch erklären. Mit meinen zehn Jahren hatte ich schon einiges in der Schule gelernt, aber nicht, wie man auf Gedanken reiste.
Von da an verbrachte ich viel Zeit mit Nomin und Gedankenexperimenten, deren Hauptbestandteil Konzentration bedeutete. Das fiel mir in der Schule schon schwer, aber jetzt ging es nicht um Zahlen oder tote Kaiser sondern um Glitzer und Süßes.
Ich sollte mir detailreich in aller Deutlichkeit ausmalen, was ich auf dem Planeten Sanim vorfinden möchte, denn dort würden sich Wünsche erfüllen. Das wäre, einmal dort angekommen, sehr einfach: Glitzerstaub aufheben, in die Luft werfen und sich etwas wünschen. Vor Aufregung, was alles möglich wäre, konnte ich mich gar nicht beruhigen. Kein mühseliges Lernen in der Schule, kein Stall ausmisten, kein Unkraut zupfen oder sich von großen Jungs ärgern lassen. Nur Glitzertsaub in die Luft werfen und alles wäre erledigt, auch die großen Jungs!
Sehnsüchtig wartete ich auf den Neumond – der diesen Monat gar nicht kam, auch im nächsten nicht.
Ich hatte viel Zeit, um Konzentrationsübungen zu machen.
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