Freitag, 20. September 2024

Unbewegliche Hitze

 Lena

Der Juli war kochend. Vor allen Fenstern waren die verblichenen Rollos heruntergezogen. Die Menschen, die das Haus bewohnten, bewegten sich durch eine sirupgelbe Dämmerung, glitten ohne zu sprechen aneinander vorbei, wie Fische in einem trüben Aquarium. 

Jedes gesprochene Wort hätte zu viel Energie gekostet, hätte die Körper, die schon genug damit zu tun hatten Sauerstoff aus der stickigen, ihre Atemwege erdrückenden Luft zu saugen, unnötig angestrengt. So kämpfte jede Person für sich, ihren stillen Kampf gegen die Hitze. Vielleicht wäre im Gespräch die Idee entstanden, zur Abkühlung zum nahegelegenen See zu fahren. Oder zumindest hätte mit den gesammelten, verbleibenden Kräften das alte Plantschbecken reaktiviert werden können. Doch nichts dergleichen geschah. Keine Bewegung außer den schleichenden Körpern, die unterschiedlich schnelle, aber allesamt schwere Atemzüge nehmen mussten, um an den überlebensnotwendigen Sauerstoff zu gelangen. Und so schlich Stunde um Stunde dahin. Tag um Tag. Und sie bewegten sich wie Schatten ihrer selbst durch ihre verzweifelt verdunstenden Schweißperlen immer trüber werdende Luft der Wohnung. Kein offenes Fenster hätte sie klarer machen können. Auch außen lag nur noch Verzweiflung in der Luft. Denn nicht einmal in der Dunkelheit der Sommernächte fielen die Temperaturen unter 35 Grad. Die so viele Jahre im Sommer herbeigesehnte Sonne war zur Plage geworden, die sie davon abhielt ihr Refugium, die Welt hinter den Fensterschreiben und den zum Schutz herabgelassenen Rollos, zu verlassen. Vielleicht hatte der Wandel des Klimas den nahegelegenen See auch bereits ausgetrocknet. Niemand wusste es so genau. Es wollte aber auch niemand von ihnen Nachrichten hören. Die Berichte von den Waldbränden waren noch unerträglicher als die Hitze. Und wahrscheinlich wäre das Plantschbecken im Garten aufgrund des Wassermangels ohnehin verboten gewesen. Aber niemand hatte mehr die Energie, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen, was noch erlaubt war und was nicht. Weiteratmen. In der Wohnung umhergeistern, nur nicht ganz zum Stillstand kommen, die Sonne so gut wie möglich meiden und aussperren. Das waren die Devisen.

Beginn der Geschichte aus: Dörte Hansen, Altes Land, 2015, Albrecht Knaus Verlag, München, S.7

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