Lena
Der Juli war kochend. Vor allen Fenstern waren die verblichenen Rollos heruntergezogen. Die Menschen, die das Haus bewohnten, bewegten sich durch eine sirupgelbe Dämmerung, glitten ohne zu sprechen aneinander vorbei, wie Fische in einem trüben Aquarium.
Jedes gesprochene
Wort hätte zu viel Energie gekostet, hätte die Körper, die schon genug damit zu
tun hatten Sauerstoff aus der stickigen, ihre Atemwege erdrückenden Luft zu
saugen, unnötig angestrengt. So kämpfte jede Person für sich, ihren stillen Kampf
gegen die Hitze. Vielleicht wäre im Gespräch die Idee entstanden, zur Abkühlung
zum nahegelegenen See zu fahren. Oder zumindest hätte mit den gesammelten,
verbleibenden Kräften das alte Plantschbecken reaktiviert werden können. Doch
nichts dergleichen geschah. Keine Bewegung außer den schleichenden Körpern, die
unterschiedlich schnelle, aber allesamt schwere Atemzüge nehmen mussten, um an
den überlebensnotwendigen Sauerstoff zu gelangen. Und so schlich Stunde um
Stunde dahin. Tag um Tag. Und sie bewegten sich wie Schatten ihrer selbst durch
ihre verzweifelt verdunstenden Schweißperlen immer trüber werdende Luft der
Wohnung. Kein offenes Fenster hätte sie klarer machen können. Auch außen lag
nur noch Verzweiflung in der Luft. Denn nicht einmal in der Dunkelheit der
Sommernächte fielen die Temperaturen unter 35 Grad. Die so viele Jahre im
Sommer herbeigesehnte Sonne war zur Plage geworden, die sie davon abhielt ihr
Refugium, die Welt hinter den Fensterschreiben und den zum Schutz
herabgelassenen Rollos, zu verlassen. Vielleicht hatte der Wandel des Klimas
den nahegelegenen See auch bereits ausgetrocknet. Niemand wusste es so genau.
Es wollte aber auch niemand von ihnen Nachrichten hören. Die Berichte von den
Waldbränden waren noch unerträglicher als die Hitze. Und wahrscheinlich wäre
das Plantschbecken im Garten aufgrund des Wassermangels ohnehin verboten
gewesen. Aber niemand hatte mehr die Energie, sich überhaupt damit
auseinanderzusetzen, was noch erlaubt war und was nicht. Weiteratmen. In der
Wohnung umhergeistern, nur nicht ganz zum Stillstand kommen, die Sonne so gut
wie möglich meiden und aussperren. Das waren die Devisen.
Beginn der Geschichte aus: Dörte Hansen, Altes Land, 2015, Albrecht Knaus Verlag, München, S.7
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