Dagmar
Drei nimmersatte Lämmer
Zwischen Wildblumenwiesen und Feldern erbauten
meine Eltern 1936 ihr Siedlungshaus.
Am Ende unseres großen Grundstücks befand sich ein
niedriger Stall, den mein Vater für unsere Haustiere - Kaninchen, Hühner, Gänse und auch zwei
Schweine - nach und nach erweiterte. Fast alle benachbarten Grundstücke waren
unbebaut. Dort konnten wir meine Lieblingstiere, die Schafe, angepflockt grasen
lassen. Es war meine Aufgabe, sie bei jedem Wetter morgens vor Schulbeginn auf
die freien Flächen zu bringen und abends wieder in den Stall zu führen.
Meine Eltern bereiteten mich darauf vor, dass unser
Mutterschaf Peggi Nachwuchs erwartete. Peggi blieb jetzt auch tagsüber im
Stall. Bei einem morgendlichen Kontrollgang bemerkte ich, dass sie unruhig im
Stall hin und her ging. Dann sah ich auf dem strohbedeckten Boden zwei neugeborene
Lämmer! Freudig rannte ich zu meinen Eltern und überbrachte die gute Botschaft.
Gemeinsam gingen wir zurück in den Stall und ich traute meinen Augen nicht,
denn dort lag ein drittes Lamm, das während meiner Abwesenheit geboren sein
musste. Es war wesentlich kleiner als seine Geschwister.
Erwartungsvoll schaute ich meine Eltern an. An den
Gesichtszügen meiner Mutter konnte ich ablesen, dass sie sich um das dritte
Lämmchen sorgte. Da sie Erfahrungen mit der Viehaufzucht hatte, erklärte sie
mir sachlich, dass Schafe sehr selten
drei Lämmer zur Welt bringen und meist das schwächste Lamm an Unterernährung
stirbt. Ich rannte aus dem Stall, und wie so oft, wenn ich Kummer hatte, setzte
ich mich auf meine Schaukel.
Meine Mutter überlegte lange und erklärte uns dann
ihren Plan. Früh morgens molk sie unsere Peggi, füllte die Milch in ein
Babyfläschchen, und ich durfte das zarte Lamm füttern. Beim Trinken wirbelte es
mit dem kleinen Schwänzchen und sog kräftig an der Flasche. Schon bald hatte
sich dieses kleine, immer hungrige Wesen an mich gewöhnt und folgte mir durch
den Garten.
Mit zunehmender Sorge beobachteten wir, dass Peggi
nicht genügend Milch hatte und die drei
Lämmer hungrig blieben. Nun wurden sie zusätzlich mit fester Nahrung gefüttert.
Unserem Haus gegenüber befand sich eine Wiese mit
saftigem Gras. Dorthin führte ich das Mutterschaf mit seinem Nachwuchs zum
Fressen. Die Lämmer machten vor Freude Bocksprünge. Nebenbei pflückte ich von
Sauerampfer, Kornblumen, Mohn und Margeriten einen üppigen Strauß. Ab und zu
tippelte mein kleiner Zögling meckernd zu mir und holte sich seine
Streicheleinheiten. Dann nahm ich ihn noch einmal lange in die Arme und spürte
das weiche gekräuselte Fell zwischen meinen Fingern.
Im Laufe des Sommers entwickelten sich alle drei Lämmer
zu kräftigen, frechen Halbstarken.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen