Donnerstag, 2. August 2012


Dagmar
Drei nimmersatte Lämmer

Zwischen Wildblumenwiesen und Feldern erbauten meine Eltern 1936 ihr Siedlungshaus.
Am Ende unseres großen Grundstücks befand sich ein niedriger Stall, den mein Vater für unsere Haustiere -  Kaninchen, Hühner, Gänse und auch zwei Schweine - nach und nach erweiterte. Fast alle benachbarten Grundstücke waren unbebaut. Dort konnten wir meine Lieblingstiere, die Schafe, angepflockt grasen lassen. Es war meine Aufgabe, sie bei jedem Wetter morgens vor Schulbeginn auf die freien Flächen zu bringen und abends wieder in den Stall zu führen.
Meine Eltern bereiteten mich darauf vor, dass unser Mutterschaf Peggi Nachwuchs erwartete. Peggi blieb jetzt auch tagsüber im Stall. Bei einem morgendlichen Kontrollgang bemerkte ich, dass sie unruhig im Stall hin und her ging. Dann sah ich auf dem strohbedeckten Boden zwei neugeborene Lämmer! Freudig rannte ich zu meinen Eltern und überbrachte die gute Botschaft. Gemeinsam gingen wir zurück in den Stall und ich traute meinen Augen nicht, denn dort lag ein drittes Lamm, das während meiner Abwesenheit geboren sein musste. Es war wesentlich kleiner als seine Geschwister.
Erwartungsvoll schaute ich meine Eltern an. An den Gesichtszügen meiner Mutter konnte ich ablesen, dass sie sich um das dritte Lämmchen sorgte. Da sie Erfahrungen mit der Viehaufzucht hatte, erklärte sie mir sachlich, dass  Schafe sehr selten drei Lämmer zur Welt bringen und meist das schwächste Lamm an Unterernährung stirbt. Ich rannte aus dem Stall, und wie so oft, wenn ich Kummer hatte, setzte ich mich auf meine Schaukel.
Meine Mutter überlegte lange und erklärte uns dann ihren Plan. Früh morgens molk sie unsere Peggi, füllte die Milch in ein Babyfläschchen, und ich durfte das zarte Lamm füttern. Beim Trinken wirbelte es mit dem kleinen Schwänzchen und sog kräftig an der Flasche. Schon bald hatte sich dieses kleine, immer hungrige Wesen an mich gewöhnt und folgte mir durch den Garten.
Mit zunehmender Sorge beobachteten wir, dass Peggi nicht genügend Milch hatte  und die drei Lämmer hungrig blieben. Nun wurden sie zusätzlich mit fester Nahrung gefüttert.
Unserem Haus gegenüber befand sich eine Wiese mit saftigem Gras. Dorthin führte ich das Mutterschaf mit seinem Nachwuchs zum Fressen. Die Lämmer machten vor Freude Bocksprünge. Nebenbei pflückte ich von Sauerampfer, Kornblumen, Mohn und Margeriten einen üppigen Strauß. Ab und zu tippelte mein kleiner Zögling meckernd zu mir und holte sich seine Streicheleinheiten. Dann nahm ich ihn noch einmal lange in die Arme und spürte das weiche gekräuselte Fell zwischen meinen Fingern.
Im Laufe des Sommers entwickelten sich alle drei Lämmer zu kräftigen, frechen Halbstarken. 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen