Malen in der Schule
Im ersten Schuljahr wird heute viel gemalt,
vor allem, um Zugang zu Stift, Linie und Farbe zu finden. Damals aber, zum
Kriegsende, wurde nur gezeichnet: Teile der ersten Buchstaben. Nun hatte ich
mich schon vor der Schule viel mit Malen und Zeichnen beschäftigt. Buchstaben
ließen sich bereits leicht aneinanderreihen zu kleinen Wörtern, und ich sah
überhaupt nicht ein, warum ich „rauf runter rauf“ oder kleine Handstöcke für n
und m üben sollte. So gab es beidseitige energische Diskussionen mit der
Lehrerin. Ich gewann und durfte ganze Buchstaben zeichnen.
Später wurde Malen mein Lieblingsfach. Den
Kunstunterricht genoss ich, und Hausaufgaben hierfür waren das Angebot der
Woche. Diese Mal-Leidenschaft wirkte sich verwunderlicherweise auch auf den
Deutschunterricht aus. Wahrscheinlich beförderte sie die Phantasie. In den
höheren Klassen wurden jedes Jahr Plakat-Wettbewerbe ausgeschrieben. Ein
gegebenes Thema war auf großer Fläche farbig zu komponieren. Zwei Mal gewann ich
zu meiner großen Freude einen Preis.
Im Abitur wurde ich nach mehreren kniffligen
mündlichen Prüfungen noch einmal hereingerufen. Der Schulrat misstraute meiner
jährlichen Eins in Kunst. Ein kleines Mädchen aus der Unterklasse wurde mir als
Modell ins Treppenhaus gesetzt. Ich porträtierte es und der Schulrat nickte das
Ergebnis schweigend ab. Doch die Zensuren in Kunst empfand ich teilweise als
ungerecht, denn es wurde nicht Fleiß, sondern Begabung honoriert.
Wie haben mich diese Erlebnisse bis heute geprägt, und was gestalte
ich gerne?
Die Arbeit im Kunstunterricht, die Mühe und
Freude zugleich war, hat mir für das Leben viel Mut gegeben. Sie beeinflusste
meine Berufswahl und spornte immer wieder an, etwas Neues im Sinne des Wortes
in Angriff zu nehmen, das ich mir bisher nicht zugetraut hatte. Ich gewann
Sicherheit in der inneren Überzeugung: Was ich zielgerichtet will, das schaffe
ich auch. Älter geworden, gönnte ich mir noch einige Semester Ausbildung auf
der Kunstschule Blankenese im Zeichnen und Malen; eine sehr interessante Zeit,
in der ich das Gestalten und Betrachten in neuen Dimensionen und Blickwinkeln
lernte.
Heute zeichne und male ich immer noch gerne.
Oft ist die Lust groß, aber es fehlt die Zeit. Zur Kreativität gehört Muße.
Immerhin reicht es ab und zu zu schnellen Skizzen von schrulligen Typen, und
manchmal bringe ich ein Opernprogramm voller Köpfe oder Physiognomien mit, in
der Pause möglichst unauffällig aufs Papier gehuscht. Außerdem gestalte ich
gern Textilarbeiten aus ausgefallenem Material. Schon in der Schulzeit kreierte
ich mit viel Spaß meine eigene Mode und nähte auch etliche Entwürfe selbst. Die
Stoffarbeiten verknüpften sich mit Perlen, Stricken oder Pelzresten. Die
Fäden der Phantasie spinnen sich von selbst immer ein wenig weiter. Das
Fotografieren begleitet mich schon mein ganzes Leben. Alle Zutaten kann ich
kaufen, nur nicht genügend Zeit für all die verlockenden Arbeiten der Kunst.
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