Dienstag, 18. September 2012

Renate
Malen in der Schule
Im ersten Schuljahr wird heute viel gemalt, vor allem, um Zugang zu Stift, Linie und Farbe zu finden. Damals aber, zum Kriegsende, wurde nur gezeichnet: Teile der ersten Buchstaben. Nun hatte ich mich schon vor der Schule viel mit Malen und Zeichnen beschäftigt. Buchstaben ließen sich bereits leicht aneinanderreihen zu kleinen Wörtern, und ich sah überhaupt nicht ein, warum ich „rauf runter rauf“ oder kleine Handstöcke für n und m üben sollte. So gab es beidseitige energische Diskussionen mit der Lehrerin. Ich gewann und durfte ganze Buchstaben zeichnen.
Später wurde Malen mein Lieblingsfach. Den Kunstunterricht genoss ich, und Hausaufgaben hierfür waren das Angebot der Woche. Diese Mal-Leidenschaft wirkte sich verwunderlicherweise auch auf den Deutschunterricht aus. Wahrscheinlich beförderte sie die Phantasie. In den höheren Klassen wurden jedes Jahr Plakat-Wettbewerbe ausgeschrieben. Ein gegebenes Thema war auf großer Fläche farbig zu komponieren. Zwei Mal gewann ich zu meiner großen Freude einen Preis.
Im Abitur wurde ich nach mehreren kniffligen mündlichen Prüfungen noch einmal hereingerufen. Der Schulrat misstraute meiner jährlichen Eins in Kunst. Ein kleines Mädchen aus der Unterklasse wurde mir als Modell ins Treppenhaus gesetzt. Ich porträtierte es und der Schulrat nickte das Ergebnis schweigend ab. Doch die Zensuren in Kunst empfand ich teilweise als ungerecht, denn es wurde nicht Fleiß, sondern Begabung honoriert.

Wie haben mich diese Erlebnisse bis heute geprägt, und was gestalte ich gerne?
Die Arbeit im Kunstunterricht, die Mühe und Freude zugleich war, hat mir für das Leben viel Mut gegeben. Sie beeinflusste meine Berufswahl und spornte immer wieder an, etwas Neues im Sinne des Wortes in Angriff zu nehmen, das ich mir bisher nicht zugetraut hatte. Ich gewann Sicherheit in der inneren Überzeugung: Was ich zielgerichtet will, das schaffe ich auch. Älter geworden, gönnte ich mir noch einige Semester Ausbildung auf der Kunstschule Blankenese im Zeichnen und Malen; eine sehr interessante Zeit, in der ich das Gestalten und Betrachten in neuen Dimensionen und Blickwinkeln lernte.
Heute zeichne und male ich immer noch gerne. Oft ist die Lust groß, aber es fehlt die Zeit. Zur Kreativität gehört Muße. Immerhin reicht es ab und zu zu schnellen Skizzen von schrulligen Typen, und manchmal bringe ich ein Opernprogramm voller Köpfe oder Physiognomien mit, in der Pause möglichst unauffällig aufs Papier gehuscht. Außerdem gestalte ich gern Textilarbeiten aus ausgefallenem Material. Schon in der Schulzeit kreierte ich mit viel Spaß meine eigene Mode und nähte auch etliche Entwürfe selbst. Die Stoffarbeiten verknüpften sich mit Perlen, Stricken oder Pelzresten. Die Fäden der Phantasie spinnen sich von selbst immer ein wenig weiter. Das Fotografieren begleitet mich schon mein ganzes Leben. Alle Zutaten kann ich kaufen, nur nicht genügend Zeit für all die verlockenden Arbeiten der Kunst.

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