Donnerstag, 13. Dezember 2012


Dagmar
Ein außergewöhnlicher Wintertag

Ich habe keine Lust mehr, bei dieser Kälte in dem großen Außengehege, das die Menschen Garten nennen, herumzuschnüffeln. Niemand spielt heute mit mir, nicht einmal die Nachbarskatze ist zu sehen.
Ich bin ein Tibet-Terrier und lebe gern bei meiner Familie, denn alle sorgen dafür, dass ich genug zu fressen habe und viel an die frische Luft komme.
Gelangweilt trotte ich Richtung Haus und setze mich vor die Haustür in der Hoffnung, dass mir jemand öffnet. Durch die Ritzen dringt ein herrlicher Geruch und so mache ich mich bellend bemerkbar. Um endlich in das Haus zu kommen, würde ich auch gern an der Tür kratzen, aber das hat mir vor einiger Zeit großen Ärger eingebracht. Angeblich soll ich dort Kratzspuren hinterlassen haben. Mein Frauchen öffnet mir die Haustür und schnell folge ich ihr in die Küche, denn hier duftet es am intensivsten. Ich setze mich in ihre Nähe, und während sie an etwas herumschnippelt, läuft mir vor Aufregung das Wasser aus der Schnauze. Um Aufmerksamkeit zu erlangen, wedele ich mit meinem Schwanz und schmachte mein Frauchen mit meinem treuesten Blick lange an. Hah, das hat geklappt! Nun legt sie ein Stück von diesem leckeren „Naschi“ in meinen Fressnapf. Nachdem ich es mit Genuss vertilgt habe, schleiche ich mich auf leisen Pfoten in das Wohnzimmer, um zu sehen, was mein Rudelführer dort so treibt.
Hier herrscht ein furchtbares Chaos, überall liegen Kartons und farbiges Packpapier, Werkzeug, bunte glänzende Kugeln und Sachen herum, die ich noch nie gesehen habe. Ich finde gerade noch ein Plätzchen unter einem Tisch und denke so bei mir, wenn mein Frauchen diese Unordnung sieht, gibt es einen fürchterlichen Krach. Mein Herrchen verpackt und verschnürt in aller Ruhe große und kleine Dinge, die er dann in einen Sack legt. Nun öffnet er die Terrassentür und stellt den Sack auf die Terrasse. Von dort bringt er schleppend und ächzend einen großen Baum mit herein und stellt ihn vor das Wohnzimmerfenster. Ich frage mich, was das nun wieder werden soll, denn grüne Bäume mit spitzen Nadeln haben wir nur im Garten. Es ist ärgerlich, denn nun verstellt mir der Baum auch noch die Sicht in den Garten. Mein Rudelführer hängt die bunten Kugeln, Kerzen und andere glitzernde Sachen daran. Immer wieder schaut er dabei den Baum von allen Seiten an. Ich kann das alles überhaupt nicht mehr verstehen und verlasse meinen Beobachtungsposten, laufe schnüffelnd um den Baum und als ich gerade mein Bein heben will um alles zu markieren, schreit mein Herrchen mich ganz wütend an, gibt mir einen Klaps aufs Hinterteil und zerrt mich am Schlafittchen in den Flur zu meinem Körbchen.
Dort muss ich wohl eine Weile eingeschlafen sein, als ich von merkwürdigen Klängen geweckt werde. Durch die Glastür schiele ich in das halbdunkle Wohnzimmer; dort sitzt mein Rudel vor merkwürdigen Klangkästen und heult dazu. Ich habe Glück, denn die Wohnzimmertür ist nur angelehnt und so robbe ich mich leise an sie heran und heule mit ihnen. Alle sehen mich verdrießlich an und wieder muss ich in mein Körbchen im Flur. Missmutig denke ich noch: „Denen kann ich heute nichts Recht machen.“
Plötzlich ertönt die Hausglocke; beide Kinder springen zugleich zur Haustür und dort steht ein menschenähnliches Monster in roter Verpackung mit einem Sack auf dem Rücken und einem komischen Stock in der Hand. Ich nehme sofort eine drohende Haltung ein, fletsche die Zähne und hüpfe bellend um den Eindringling herum, um ihn zu vertreiben. Mein Herrchen streicht mir beruhigend über das Fell und lässt diesen furchterregenden Kerl trotzdem in das Wohnzimmer. Dort hört er sich komische Sprüche von den Kindern an, packt genau den Sack aus, den mein Herrchen vorhin auf die Terrasse gestellt hatte und verteilt die großen und kleinen Pakete an das Rudel. Alle strahlen vor Glück und bedanken  sich für die Geschenke.
Ich finde es mehr als ungerecht, denn schließlich hatte ja mein Herrchen den Nachmittag damit verbracht genau diesen Sack zu füllen und ausgerechnet dieser gemeine Dieb bekommt den Dank dafür. Als der Zweibeiner an mir vorbei zur Haustür geht, erinnert mich sein Geruch irgendwie an unseren Nachbarn, den meine Familie immer mit „Werner“ anspricht.
Grübelnd trotte ich wieder  in mein Körbchen. In der Küche wird es jetzt sehr hektisch. Leckeres Essen wird in das Wohnzimmer getragen und die Kinder haben am Tisch Platz genommen. Plötzlich ruft mein Frauchen mich in die Küche, krault mir den Nacken und führt mich zu meinem Fressnapf. Dort liegt doch tatsächlich eine große leckere Wurst, die ich genüsslich verspeise. Nach der ganzen Aufregung an diesem Tag denke ich nun: „Irgendwie mag mein Rudel mich wohl doch.“ 

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