Sonntag, 9. März 2014

Weiße Kniestrümpfe oder der erste Schultag



Maren
Weiße Kniestrümpfe oder der erste Schultag

In der Nachkriegszeit begann das Schuljahr am ersten April. Draußen wärmte die Sonne, erste Knospen begrünten Sträucher und Wege, größere Gehölze waren meist der Säge anheim gefallen und hatten während des extrem kalten Winters 1947 hier und dort für zeitweise warme Stuben gesorgt.  Meine Mutter hatte mich zum ersten Schultag ‚fein gemacht‘. Dabei sind mir besonders die weißen Kniestrümpfe und schwarzen Lackschuhe in Erinnerung geblieben. In einem Ranzen aus Pappe trug ich die Erstausstattung: eine Schiefertafel, einen Griffel und eine Schwammdose mit Schwamm.

Meine Mutter und mein kleiner blondgelockter Bruder begleiteten mich in die nahe gelegene Schule. Der Weg führte an einem Löschteich vorbei, für uns ein wahres Kinderparadies. Wir kletterten oft über lange Leitern in das große leere Bassin, um dort bunte Scherben aus zerbrochenem Porzellan und viele andere nützliche Sachen zu suchen. Im Krieg war in dem ausgebaggerten Teich Wasser zum Löschen bereitgehalten worden. Ab jetzt gab es kein abenteuerliches, zeitlich unbegrenztes Spielen bis es dunkel wurde und wir müde, hungrig und verschmutzt nach Hause kamen mehr.

Die Schule stand in alter Größe aus dunklem Backstein und weiten Toren bereit, uns zum ersten Schultag zu empfangen. Das Gebäude umschloss mich. Ich fühlte mich aufgenommen und gleichzeitig gefangen. Was erwartete mich? Gab es neue Freundinnen, andere Kinder, Lehrerinnen, Strafen bei schlechtem Lernen, Lob und Tadel?

Wir wurden im Eingangsbereich in Gruppen eingeteilt. Die Mütter mussten auf dem Schulhof warten, wir indessen gingen in den Klassengruppen in die Klassenräume. Die Tische waren durch Klappen halbiert. Um uns zu setzen, mussten wir den Tisch aufklappen. Am hinteren Ende des Tisches war eine Auskerbung für Federhalter, Tinte sowie für einen Schwammbehälter eingearbeitet. Der Schwamm, der unsere Schiefertafel stets von den ungelenken Schreibversuchen wieder blankputzte, roch modrig, kreidig, verwest. Die geschlossene Schwammdose trug dann alles dazu bei, diesen spezifischen Geruch zu intensivieren.

Ich musste im Unterricht fleißig und artig sein, Leistung zeigen und mich mit vielen Nachkriegsbesonderheiten abfinden. Dazu gehörte auch der Nachmittagsunterricht. Dann betrachtete ich durch die Schulfenster das Dunkelsamtblau des frühen Abendhimmels, das das Draußen zu wärmen und einzuhüllen schien.

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