Maren
Weiße Kniestrümpfe oder der erste Schultag
In
der Nachkriegszeit begann das Schuljahr am ersten April. Draußen wärmte die
Sonne, erste Knospen begrünten Sträucher und Wege, größere Gehölze waren meist
der Säge anheim gefallen und hatten während des extrem kalten Winters 1947 hier
und dort für zeitweise warme Stuben gesorgt.
Meine Mutter hatte mich zum ersten Schultag ‚fein gemacht‘. Dabei sind
mir besonders die weißen Kniestrümpfe und schwarzen Lackschuhe in Erinnerung geblieben.
In einem Ranzen aus Pappe trug ich die Erstausstattung: eine Schiefertafel,
einen Griffel und eine Schwammdose mit Schwamm.
Meine
Mutter und mein kleiner blondgelockter Bruder begleiteten mich in die nahe
gelegene Schule. Der Weg führte an einem Löschteich vorbei, für uns ein wahres
Kinderparadies. Wir kletterten oft über lange Leitern in das große leere
Bassin, um dort bunte Scherben aus zerbrochenem Porzellan und viele andere
nützliche Sachen zu suchen. Im Krieg war in dem ausgebaggerten Teich Wasser zum
Löschen bereitgehalten worden. Ab jetzt gab es kein abenteuerliches, zeitlich
unbegrenztes Spielen bis es dunkel wurde und wir müde, hungrig und verschmutzt
nach Hause kamen mehr.
Die
Schule stand in alter Größe aus dunklem Backstein und weiten Toren bereit, uns
zum ersten Schultag zu empfangen. Das Gebäude umschloss mich. Ich fühlte mich
aufgenommen und gleichzeitig gefangen. Was erwartete mich? Gab es neue
Freundinnen, andere Kinder, Lehrerinnen, Strafen bei schlechtem Lernen, Lob und
Tadel?
Wir
wurden im Eingangsbereich in Gruppen eingeteilt. Die Mütter mussten auf dem
Schulhof warten, wir indessen gingen in den Klassengruppen in die Klassenräume.
Die Tische waren durch Klappen halbiert. Um uns zu setzen, mussten wir den
Tisch aufklappen. Am hinteren Ende des Tisches war eine Auskerbung für
Federhalter, Tinte sowie für einen Schwammbehälter eingearbeitet. Der Schwamm,
der unsere Schiefertafel stets von den ungelenken Schreibversuchen wieder
blankputzte, roch modrig, kreidig, verwest. Die geschlossene Schwammdose trug
dann alles dazu bei, diesen spezifischen Geruch zu intensivieren.
Ich
musste im Unterricht fleißig und artig sein, Leistung zeigen und mich mit
vielen Nachkriegsbesonderheiten abfinden. Dazu gehörte auch der Nachmittagsunterricht.
Dann betrachtete ich durch die Schulfenster das Dunkelsamtblau des frühen
Abendhimmels, das das Draußen zu wärmen und einzuhüllen schien.
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