Wendula
Manchmal braucht man einfach Geduld
Manchmal braucht man einfach Geduld
Wie
fast jedes Haus heutzutage, haben auch wir eine Tonne für kompostierbaren
Abfall. Bei einem Gang vor etwa einem Jahr sehe ich in der Tonne eine
Orchideenpflanze in der Tiefe liegen, knackig dunkelgrün, ohne Blüten und
unbeschädigt. Der Entschluss ist sofort gefasst. Wenn ich sie mit meinen Armen
erreichen kann, werde ich sie retten. Offensichtlich ist sie herrenlos. Es
gelingt und auch im Tageslicht ist sie absolut perfekt. Sie wird gewaschen,
getrocknet, bekommt einen Topf und einen Übertopf und wird, nachdem meine Stammorchideen auf der Fensterbank zusammenrücken müssen, mit aufmunternden
Worten eingereiht.
Aber wie könnte ich sie zum Treiben bringen? Als
erstes versuche ich es mit freundlichem Zuspruch, ich umschmeichel sie, ich
streichel sie auch mal - kein Erfolg! Die trockenen Luftwurzeln werden behutsam
rausgetrennt - auch kein Erfolg! Vielleicht ist das gelbe Blatt im Weg? Das
lässt sich ändern - aber auch das ist ohne Erfolg. Ich kann sie nicht zu neuen
Trieben ermuntern. Nun lass ich sie, zwar immer noch mit netten Worten bedacht,
in Frieden. Tagelang, wochenlang, monatelang. Ich werde langsam ungeduldig und
gehe sogar so weit, sie zu bedrohen: Wenn du nicht innerhalb der nächsten vier
Wochen einen Trieb produzierst, landest du wieder in der Tonne! Nichts - gar
nichts passiert. Ich strafe sie mit Nichtachtung, kann mich aber nicht
entschließen, meine Drohung wahr zu machen.Aber dann, wieder nach Monaten, sehe ich bei meiner Orchideeninspektion den ersten, hellgrünen, spitzen Trieb. Ein Freudentag und der tritt ganz ohne meine Hilfe ein. Ein Eintrag im Tagebuch ist fällig. Aber das Warten geht weiter. Welche Farbe, wieviel Blüten wird sie mir bieten? Wieder ist Geduld gefragt und nach ungefähr einem Jahr belohnt sie mich mit 7 großen, schneeweißen Blüten mit einer gelben Mitte und einem zartlila Streifen auf der Rückseite. Ich fühle mich beschenkt.
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