Mittwoch, 14. Januar 2015

Lieblingsorte der Kindheit



Renate

Kaninchen. Nein, kein Stall, doch ein wenig ähnlich. Eine große Altbauwohnung, ein langer Flur, erste Tür links: Das Zimmer meiner Lieblingsfreundin. Vier Meter lang, eineinhalb Meter breit. Bett, Schrank, Kommode, Hocker.
Ich beneidete Sie glühend um dieses Gehäuse, musste ich doch ein ebenso kleines mit meiner Schwester teilen. Aber eigentlich war dieses Räumchen auch meine Wohnstatt. Hier lebte meine Freundin mit mir zusammen. Wir saßen nebeneinander auf der Bettkante und langweilten uns niemals auch nur eine Minute.

Ein großes Tablett auf unser beider Knien bildete einen bequemen Tisch. Wir feilschten um Oblaten, tauschten und bewunderten unsere Errungenschaften. Schmökerten in Brehms Tierleben, dressierten den gefangenen Mäuserich in dem großen Glas, aus dem es leise nach Tier duftete. Wir spielten Zweierrommee um Spielgeld bis uns die Wangen glühten, und manchmal leisteten wir uns auch gegenseitig Schularbeitenhilfe.
Wir schmiedeten Pläne für die nahe und ferne Zukunft, träumten von schönen Kleidern, die ich aufzeichnete. Für unsere gemeinsame  Schwimm- und Tauschleidenschaft übten wir Luftanhalten bis zum Umfallen.

All dies umhüllte immer ein Grundduft von Kaninchen. Auf dem Balkon nebenan stand ein Stall, in dem die armen Tiere zum Schlachten gefüttert wurden, und zur Futterbeschaffung von den Wiesen mussten auch wir beitragen. Dieser Duft begleitete unsere Strickorgien, unsere Spiele, Gespräche und unser Gekicher. Er ist verwoben mit einem glücklichen Teil meiner Kindheit in einer schlechten Zeit. Steigt mir heute ein solcher Hauch in die Nase, bin ich umweht von dem Gefühl von Geborgenheit und Glück.

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