Samstag, 23. Mai 2015

Die Schränkzange



Wendula

Da liegst du vor mir - ich habe dich ausgesucht weil ich dich leiden
mag. Du bist eine seltsame Mischung - ein wenig abstrakt wirkst du im ersten Moment, dann aber fasziniert mich deine wunderbare dunkelbraunrote Farbe, deine ungewohnte Form und deine Dekoration. Da gibt es Streifen und Karos, eingefräst in dein schweres Metall. Ich bewundere die Vielseitigkeit deiner Ausrüstung: eine blankgescheuerte, harte Feder, ein solider Haken, mehrere Schrauben mit feingeriffelten Köpfchen und einen Doppelgriff, der nur andeutungsweise ineinandergreift. Es braucht eine feste Hand um dich zu bewegen. Dann allerdings erinnerst du mich an das große Abbruchsungeheuer in der Spitalerstraße, das bissig ein Stück Mauer zerknackt. Für dich wäre wahrscheinlich eine Konservendose das gefundene Fressen.
Aber nein, für mich bist du ein Kunstgegenstand, die eleganten schlanken Beine, das phantasievolle Mittelteil, der Kopf mit dem wachen Auge und dem versperrten Maul. Ein Schattenriss würde deine besonderen Eigenarten hervorheben oder aber Detailfotos würden dir ganz neue Seiten abgewinnen. Die schönen, geschwungenen Linien, die in einer Art Schnecke enden, der Ansatz von Mäanderbändern und die verschiedenen Karogrößen an der Außenseite deiner Beine. Einen Namen hast du auch: "Garanto Skai DRP", was wohl Deutsches Reichspatent heißt. Aber nun verrate mir mal wozu bist du zu gebrauchen?
"Ganz einfach: Ich bin die ideale Schränkzange zur Bearbeitung von Sägezähnen - das hat dir doch gerade der Herr, der dir gegenüber sitzt, erklärt!"

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen