Donnerstag, 27. August 2015

Die Wanderkarte



Maren

Bereits am Abend werde ich aus meinem Kasten gezogen. Die anderen Wanderkarten können mir nur noch einen kurzen Gruß hinterher rufen und einige launige Anmerkungen mit auf den Weg geben wie ‚Lass dich nicht falsch knicken!‘ oder ‚Pass auf Schweißfinger auf!‘.
Ich verschwinde im tiefen Dunkel eines Rucksacks. Den Morgen erlebe ich schaukelnd, anscheinend auf dem Rücken der Wanderin. An Ausruhen ist jetzt nicht mehr zu denken. Ich werde hervorgeholt und wohlwollend betrachtet. Auf mir sind 20 Quadratmeter dargestellt, fein durchästelt mit Straßen, Wegen und farbigen Flächen, die Gebäude, Feld oder Wald darstellen. Ich schaue nach oben in die geübten Augen der Betrachterin.
Nach einer Stunde werde ich erneut zu Rate gezogen, dieses Mal nicht mehr so wohlwollend. Auch das Zusammenfalten wird zunehmend robuster. Zur Mittagzeit werde ich ins Gras gelegt. Laufkäfer hasten über mich, ein kleiner Wurm beginnt, sich in einem Falz niederzulassen. Ich nutze einen Windhauch und fliege den Hang hinunter. Energisch wird meine Reise durch einen festen Griff unterbrochen. Ich bin jetzt fast zerknickt und bekomme eingerollt einen recht beengten Platz neben der inzwischen leeren Wasserflasche im Seitenfach des Rucksacks. Im Laufe des Tages verschlechtert sich meine Lage, ich sehe keinen freundlichen Blick mehr. Das ratlose Hin-und Herwenden verunsichert selbst mich, obwohl ich genau weiß, dass meine geografische Darstellung richtig ist. Ein kleiner Riss seitlich am unteren Ende macht mir zusätzlich zu schaffen. Außerdem höre ich Flüche, die ich aber nicht wiedergeben möchte. Am Abend endet die Tour, ich werde wieder zwischen den anderen Karten einsortiert, gebe mich dabei recht sperrig. Wie gut, dass ich lange Zeit Ruhe haben werde. Meine Strecke ist gegangen und soll nicht wiederholt werden, wie ich vorhin aus der Wanderbesprechung gehört habe.

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