Donnerstag, 29. Oktober 2015

De Tied, dat Oos, de lopt so gau



Lotti

Die erste Uhr in meinem Leben war Opas Ticktack. Die war groß und blank, hing an einer Kette und machte Geräusche am Ohr. Ein paar Jahre später war der Wecker interessant, er konnte rasseln.
Als ich während des Krieges bei meinen hessischen Großeltern war, schlief ich bei ihnen im Schlafzimmer. Dort hing ein Monster von Uhr an der Wand. Rund und mit zwei schweren Gewichten versehen, die aussahen wie Tannenzapfen. Sie hingen an Ketten und wurden jeden Abend von meinem Großvater hochgezogen, was ziemlich rasselte. Bis auf die Zipfelmütze sah er dabei aus wie der Onkel der „Frommen Helene“ von Wilhelm Busch. Meine Großmutter lachte über ihn. Sie fand ihn in seinem „Sterbehemde“ komisch, was ihn wütend machte. Mein Wecker war morgens um 5 Uhr meine Großmutter. Um 6:04 Uhr ging der Zug von unserem kleinen Ort nach Bad Hersfeld zum Lyzeum. Einige Mädchen bekamen Armbanduhren zur Konfirmation geschenkt.
In meiner hessischen Kinderzeit auf dem Land gab die Sonne im Sommer die Zeit an, mittags der Magen und abends die Dämmerung. Im Winter die Lampen am Bahndamm, wo wir radelten bis es dunkel wurde. Was Uhr und Kalender betrifft bin ich ein Preuße.
In einem plattdeutschen Lied heißt es: „De Tied, dat Oos, de lopt so gau, dreis di um sind diene Hoor all grau.“ Das kann ich nur bestätigen.

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