Freitag, 27. November 2015

Ein Paar Schuhe


Ursula

Soweit die Füße tragen, hat man mir eingebläut. Handgemacht aus bestem Rindsleder, auf Rahmen genäht und besohlt. Die Ledersohle klammert sich mit Holzstiften auf die Brandsohle, nicht mit Nägeln wie bei meinen preiswerteren Brüdern und Schwestern.
Geschlossen werde ich mit Senkeln, die zunächst durch metallene Ösen führen und sich später um feste Haken winden. Meine Farbe ist schwarz wie der Ruß aus dem Schornstein. Die geflochtenen Schnürsenkel tragen die gleiche Farbe.
Elegant und formschön saß ich auf dem extra für mich gemachten Leisten. Für meinen Besitzer eine wahre Freude und eine wertvolle Kostbarkeit. Mit stolz geschwellter Brust führte er mich vor und aus.
Viele Jahre sind vergangen. Tausende von Schritten zu allen Jahreszeiten wanderte ich auf wechselvollen Böden. Ich watete durch Pfützen, versuchte Halt auf eisglatten Straßen zu behalten, bestieg Berge und überquerte staubige Felder. Ich gab festen Stand bei der Arbeit, hielt die Füße warm und trocken und murrte selbst bei schwersten Anforderungen bei Regen und Schneematsch niemals.
Anfangs durfte ich sonntagsmorgens mit in die Kirche und –abends auf den Tanzboden. Leise war ich nie. Man nahm mich immer wahr, auch deshalb, weil mein Herr mich am Wochenende stets auf Hochglanz polierte.
Über all die Arbeit und Last und über das lange Leben schlechthin bin ich hart geworden. Mein Leder wurde von der vielen Wichse spröde. Die fünf Absatzflecken sind rau und schartig. Mein  Innenleben zeugt mit Schweißflecken von meiner großen Schaffenskraft und mein Geruch erinnert auch nicht im entferntesten an frisches Leder. Die Schnürsenkel sind altersschwach.
Das schönste an mir ist die liebevolle Gepflegtheit. Ich glänze wie am ersten Tag. Und schaut euch mal die wunderbaren Ziernähte an: kunstvoll und akkurat zeugen sie von bester Handwerkskunst und sind kaum gealtert.
Im Unterschied zu all meinen Geschwistern darf ich im Museum weiterleben. Mit meinem Glanz darf ich Fantasien anregen und das  Leben vor langer Zeit bezeugen.

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