Ursula
Soweit
die Füße tragen, hat man mir eingebläut. Handgemacht aus bestem Rindsleder, auf
Rahmen genäht und besohlt. Die Ledersohle klammert sich mit Holzstiften auf die
Brandsohle, nicht mit Nägeln wie bei meinen preiswerteren Brüdern und
Schwestern.
Geschlossen
werde ich mit Senkeln, die zunächst durch metallene Ösen führen und sich später
um feste Haken winden. Meine Farbe ist schwarz wie der Ruß aus dem Schornstein.
Die geflochtenen Schnürsenkel tragen die gleiche Farbe.
Elegant
und formschön saß ich auf dem extra für mich gemachten Leisten. Für meinen
Besitzer eine wahre Freude und eine wertvolle Kostbarkeit. Mit stolz
geschwellter Brust führte er mich vor und aus.
Viele
Jahre sind vergangen. Tausende von Schritten zu allen Jahreszeiten wanderte ich
auf wechselvollen Böden. Ich watete durch Pfützen, versuchte Halt auf
eisglatten Straßen zu behalten, bestieg Berge und überquerte staubige Felder.
Ich gab festen Stand bei der Arbeit, hielt die Füße warm und trocken und murrte
selbst bei schwersten Anforderungen bei Regen und Schneematsch niemals.
Anfangs
durfte ich sonntagsmorgens mit in die Kirche und –abends auf den Tanzboden. Leise
war ich nie. Man nahm mich immer wahr, auch deshalb, weil mein Herr mich am
Wochenende stets auf Hochglanz polierte.
Über
all die Arbeit und Last und über das lange Leben schlechthin bin ich hart
geworden. Mein Leder wurde von der vielen Wichse spröde. Die fünf Absatzflecken
sind rau und schartig. Mein Innenleben
zeugt mit Schweißflecken von meiner großen Schaffenskraft und mein Geruch
erinnert auch nicht im entferntesten an frisches Leder. Die Schnürsenkel sind
altersschwach.
Das
schönste an mir ist die liebevolle Gepflegtheit. Ich glänze wie am ersten Tag.
Und schaut euch mal die wunderbaren Ziernähte an: kunstvoll und akkurat zeugen
sie von bester Handwerkskunst und sind kaum gealtert.
Im
Unterschied zu all meinen Geschwistern darf ich im Museum weiterleben. Mit
meinem Glanz darf ich Fantasien anregen und das
Leben vor langer Zeit bezeugen.
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