Dienstag, 15. Dezember 2015

Die Schulbank



Ilse

Auf der alten Schulbank hat sie Platz genommen. Die Zeit ist plötzlich weit über sechzig Jahre zurückgedreht. Eine Schiefertafel, wie sie vor ihr auf der schräg angebrachten  Tischplatte liegt, hat sie nicht benutzt. Es gab Schreib- und Rechenhefte mit vorgegebenen Karos und Linien.
Der erste Buchstabe war das kleine i, das sie mit einem sorgfältig gespitzten Bleistift in ihr Heft schrieb. Wie kleine Männchen, Strich – Punkt, Strich – Punkt, malte sie ein kleines i nach dem anderen in den vorgegebenen Abstand der Zeilen. Niemand durfte aus der Reihe tanzen. Mühsam war es für sie, den dünnen Stift zu halten, locker zu schreiben und nicht zu fest aufzudrücken. Auf der Rückseite des Blattes sollten die Buchstaben nicht zu sehen sein.
Der Geruch von Tinte strömt ihr in die Nase. Oder ist es eine Illusion? Blau gefärbt ist das Loch, in dem das Tintenfass steht.
Tinte hat ihren mittleren Finger blau gemacht, als sie als kleines Mädchen mit dem Füller schrieb. Das Schreiben damit übte sie in der zweiten Klasse. Der Bleistift ruhte inzwischen in der Rille der Schreibplatte. Er durfte niemals auf den Boden fallen. Die dünne Mine aus Graphit war zerbrechlich und der kostbare Bleistift dann nicht mehr zu gebrauchen. Der Rahmen aus Holz konnte die Mine nicht halten und sie fiel in kleinen Stücken heraus.
Für den Transport im ledernen Schulranzen steckte sie den Bleistift in das kleine Holzkästchen, den Griffelkasten. Da lag er gut geschützt in den langen schmalen Fächern neben dem Federhalter und den Federn. Zur Entnahme der Schreibutensilien zog sie den Deckel, der in einem Nut lief, heraus.
Der Sitz der Holzbank unter ihr wird langsam warm. Sie rutscht hin und her. Sie fragt sich, wer saß wohl vor ihr auf dieser Bank? Waren es Mädchen oder waren es Jungen, die aufmerksam dem Lehrer folgten? Schwatzten sie mit ihren Nachbarinnen wie sie es oft mit ihrer Freundin getan hatte? Sie wurde dafür mit Nachsitzen von ihrer Lehrerin getadelt. Welche Strafen mussten die Kinder auf dieser Bank ertragen?
Die Benutzer hinterließen Spuren auf der Tischplatte. Sie entdeckt eine Herz mit Initialen mit einem dicken Stift ins Holz gedrückt, weiter rechts H.W. tief eingeritzt und blau eingefärbt, Kerben von einem Schnitzmesser und den Ring von einem Wasserglas zum Tuschen, dessen Inhalt rot von der Farbe war. Welche Geschichten könnten diese Hinterlassenschaften erzählen? Vielleicht muss sie ihre Ohren weiter öffnen, damit sie sie hört!
Eigentum liest sie auf dem Sitz. Mehr gibt der Stempelabdruck, von dem noch ein Teil des Rahmens zu erkennen ist, nicht preis. Sicher stand da mal Eigentum der Schule … und hier folgte der Name, denkt sie. Jedes Ding im öffentlichen Raum wurde inventarisiert, jährlich gezählt und in Listen festgehalten.
Unter der Tischplatte erfühlt sie eine Ablage. Lag hier das Pausenbrot oder ein Spickzettel? Inzwischen hat sich Staub hier niedergelassen, Staub vergangener Jahre.
Heute lernen Mädchen und Jungen gemeinsam in einer Klasse. Sie sitzen nicht mehr eingeklemmt in Schulbänken. Es hat sich durchgesetzt, dass Bewegung das Lernen fördert.
Auch sie muss sich bewegen und aufstehen. Die „Schulstunde“ in der alten Bank ist zu Ende.

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