Ilse
Auf
der alten Schulbank hat sie Platz genommen. Die Zeit ist plötzlich weit über
sechzig Jahre zurückgedreht. Eine Schiefertafel, wie sie vor ihr auf der schräg
angebrachten Tischplatte liegt, hat sie
nicht benutzt. Es gab Schreib- und Rechenhefte mit vorgegebenen Karos und
Linien.
Der
erste Buchstabe war das kleine i, das sie mit einem sorgfältig gespitzten
Bleistift in ihr Heft schrieb. Wie kleine Männchen, Strich – Punkt, Strich –
Punkt, malte sie ein kleines i nach dem anderen in den vorgegebenen Abstand der
Zeilen. Niemand durfte aus der Reihe tanzen. Mühsam war es für sie, den dünnen
Stift zu halten, locker zu schreiben und nicht zu fest aufzudrücken. Auf der
Rückseite des Blattes sollten die Buchstaben nicht zu sehen sein.
Tinte
hat ihren mittleren Finger blau gemacht, als sie als kleines Mädchen mit dem
Füller schrieb. Das Schreiben damit übte sie in der zweiten Klasse. Der
Bleistift ruhte inzwischen in der Rille der Schreibplatte. Er durfte niemals
auf den Boden fallen. Die dünne Mine aus Graphit war zerbrechlich und der
kostbare Bleistift dann nicht mehr zu gebrauchen. Der Rahmen aus Holz konnte
die Mine nicht halten und sie fiel in kleinen Stücken heraus.
Für
den Transport im ledernen Schulranzen steckte sie den Bleistift in das kleine
Holzkästchen, den Griffelkasten. Da lag er gut geschützt in den langen schmalen
Fächern neben dem Federhalter und den Federn. Zur Entnahme der
Schreibutensilien zog sie den Deckel, der in einem Nut lief, heraus.
Der
Sitz der Holzbank unter ihr wird langsam warm. Sie rutscht hin und her. Sie
fragt sich, wer saß wohl vor ihr auf dieser Bank? Waren es Mädchen oder waren
es Jungen, die aufmerksam dem Lehrer folgten? Schwatzten sie mit ihren
Nachbarinnen wie sie es oft mit ihrer Freundin getan hatte? Sie wurde dafür mit
Nachsitzen von ihrer Lehrerin getadelt. Welche Strafen mussten die Kinder auf
dieser Bank ertragen?
Die
Benutzer hinterließen Spuren auf der Tischplatte. Sie entdeckt eine Herz mit
Initialen mit einem dicken Stift ins Holz gedrückt, weiter rechts H.W. tief
eingeritzt und blau eingefärbt, Kerben von einem Schnitzmesser und den Ring von
einem Wasserglas zum Tuschen, dessen Inhalt rot von der Farbe war. Welche
Geschichten könnten diese Hinterlassenschaften erzählen? Vielleicht muss sie
ihre Ohren weiter öffnen, damit sie sie hört!
Eigentum
liest sie auf dem Sitz. Mehr gibt der Stempelabdruck, von dem noch ein Teil des
Rahmens zu erkennen ist, nicht preis. Sicher stand da mal Eigentum der Schule …
und hier folgte der Name, denkt sie. Jedes Ding im öffentlichen Raum wurde
inventarisiert, jährlich gezählt und in Listen festgehalten.
Unter
der Tischplatte erfühlt sie eine Ablage. Lag hier das Pausenbrot oder ein
Spickzettel? Inzwischen hat sich Staub hier niedergelassen, Staub vergangener
Jahre.
Heute
lernen Mädchen und Jungen gemeinsam in einer Klasse. Sie sitzen nicht mehr
eingeklemmt in Schulbänken. Es hat sich durchgesetzt, dass Bewegung das Lernen
fördert.
Auch
sie muss sich bewegen und aufstehen. Die „Schulstunde“ in der alten Bank ist zu
Ende.
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