Peter
„Sicht“
hört sich –von einem Ohr gesagt– zwar anmaßend an, aber ich meine es gefühlsmäßig,
denn manchmal arbeite ich auch im Team mit anderen Sinnesorganen, Augen oder
Nase zusammen. Wir alle werden oberflächlich nur als gefühlslose Transporteure
von Ereignissen, als Zuträger für die große innere Datenbank und Schaltzentrale
eingeschätzt, welche die Menschen als Gehirn bezeichnen. Mir Hör-Tentakel an
der Peripherie meines persönlichen Menschen wird gelegentlich auch nachgesagt,
dass Gehörtes einfach zu meinem Zwillingsohr durchrutscht und dort wieder
ungenutzt ins Freie austritt, ohne scheinbar von den grauen Kitteln im
Hauptarchiv zur Kenntnis genommen worden zu sein.
Das
ist aber nicht so! ALLES wird registriert und archiviert. Bei Bedarf wird es
aktiviert nach dem Motto „Auch Kleinvieh macht Mist“. Und von wegen „gefühllos“.
Ich fühle sehr wohl solidarisch mit meinem Menschen! Wie sonst könnte ich bei manchem,
was meinen Gehörgang akustisch passiert, aus Scham, Schreck oder Freude so
wunderschön rote Hörmuscheln bekommen! Bei meinem Menschen, der zur männlichen
Gattung gehört, ist das besonders gut erkennbar. Bei weiblichen Ohrenträgern
soll das Farbsignal wegen der Sicht schützenden Haare allerdings nicht immer
erkennbar sein.
Mein
Mensch gehört zur selteneren Abart, die nicht nur Gehörtes über gegenwärtige
Ereignisse zur Abspeicherung schicken lässt, sondern sich auch für Gehörtes und
Gelesenes über frühere Ereignisse interessiert. Er behauptet, mit dem Forschen
nach Vergangenem könnte er Gegenwärtiges oder gar Zukünftiges besser verstehen.
Dabei kann ich ihn nur mit meiner inneren Stimme, die zu haben ich mir auch
anmaße, empathisch unterstützen. Nach Rücksprache mit dem Zentralarchiv, zu dem
ich einen guten Draht habe, werde ich meinem Forschermenschen an manches
Vergessene, Namen und Orte erinnern. Ich werde ihm einflüstern, er solle andere
Menschen mutig fragen und gut zuhören. Denn das nachhaltige Zuhören, es wollen
und können ist der Schlüssel für des Forschers Erfolg.
Ein
kleines Beispiel: Auf dem Foto seines Großvaters trägt dieser eine eigenartige
Schirmmütze. Meinen Partnern der Augen-Fakultät war das vor mir aufgefallen.
Der
Forscher: War der Großvater Chauffeur?
Ich:
Frage Deine Großmutter, sie lebt noch.
Sie
wusste gleich noch mehr: Nein, er war der
erste Automobil-Besitzer im Ort und die Mütze war üblich für diesen neumodischen
Freiluft-Sport um 1905. Das Auto konnte er dank einer Erbschaft kaufen.
Von wem?
Da frag den Onkel
So-und-so in Da-und-dort.
So
ging das Fragen und Zuhören meines Menschen auch mit vielen anderen Menschen
immer weiter. Zum Schluss wurde daraus eine fast vollständige Biographie, zwar
nicht die des Großvaters, sondern des Erblassers und Wohltäters der Familie.
Und
ich mit meinem Zwillingspartner - wir waren immer mit „gespitztem Ohr“ dabei,
ab und zu neue Ermunterungen und Hinweise aus der Denkzentrale anfordernd. Man
hilft ja seinem leiblich Nächsten gern.
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