Dagmar
„In diesem Haus ist
es wieder einmal viel zu laut. Im oberen Stockwerk ist die Musikanlage der
Jungen auf Krach eingestellt.“
Es ist nicht die
erste Klage meines empfindsamen linken Ohres.
„Du hast ja
recht.“, entgegne ich. „Wir gehen in den hinteren Teil des Gartens, suchen ein
ruhiges Plätzchen und dort werde ich lesen.“
Nur ab und zu
vernehmen wir das Quaken der Frösche im nahen Teich. Nach einiger Zeit meldet
sich mein Ohr erneut. „Der Bahnlärm ist besonders schlimm, wie kannst du
überhaupt lesen dabei!“
„Ja, das ist leider
so“, entgegne ich. „Heute ist wieder so ein Tag, da trägt der Wind das Rattern
der vorbeifahrenden Züge direkt zu uns herüber. Es ist dir gelungen, mir die
Freude am Lesen zu nehmen! Ich habe mich bemüht, diese tägliche Lärmkulisse zu
verdrängen. An vielen Tagen ist mir das auch gut gelungen. Du aber jammerst und
mäkelst immer wieder darüber und erinnerst mich daran. Kannst du endlich damit
aufhören und dich einfügen?“
Ganz früh, an einem
Sonntagmorgen, werde ich von einem hohen Pfeifton im linken Ohr geweckt. „Was
soll das denn? Hör sofort damit auf, das kann ich nicht ertragen“, sage ich
vorwurfsvoll zum Ohr. Das erwidert deprimiert: „Auch ich höre das zischende
Pfeifen und kann nichts dagegen tun. Seit Tagen wird in diesem Haus und leider
auch im Garten gewerkelt, gehämmert und umgebaut. Die lauten Geräusche der
Bohrmaschine, des Schwingschleifers und der Flex konnte ich kaum aushalten. Nun
haben sich die vielschichtigen Höreindrücke verselbständigt und setzen sich
unabhängig von äußeren Reizen in deinem Gehirn fest. Diese Überaktivität bleibt
wohl für immer bei dir bestehen. Ich kann dir nicht helfen; wir beide müssen
uns daran gewöhnen.“
„Das kann und will
ich nicht glauben“, antwortete ich. „Auf keinen Fall werde ich diesen Zustand
hinnehmen, und am Montag werde ich sofort einen Arzt konsultieren.“
Täglich erinnert
mich mein linkes Ohr an den unliebsamen Mitbewohner. „Hörst du ihn? Er ist
immer noch da. Er hört nicht auf!“
„Wir müssen eine
Lösung finden“, sage ich eines Tages zu meinem Ohr. „Gemeinsam haben wir die
Untersuchungen ertragen und die Prognosen und Meinungen der verschiedenen Ärzte
gehört. Der lästige Pfeifer wird wohl bleiben. Daher werden wir daran arbeiten,
den unerwünschten Störenfried zu verdrängen und uns bemühen überhaupt nicht
mehr an ihn zu denken. Zum Einschlafen hören wir Entspannungsmusik.“
Nach einigen Wochen
kann ich meinem Ohr die gute Botschaft übermitteln, dass ich das Geräusch kaum
mehr wahrnehme und es in einer tiefen Ecke meines Gehirns versteckt habe. Über
dieses Thema sprechen wir nun schon lange nicht mehr.
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