Montag, 22. Februar 2016

Gespräche mit meinem linken Ohr



Dagmar

„In diesem Haus ist es wieder einmal viel zu laut. Im oberen Stockwerk ist die Musikanlage der Jungen auf Krach eingestellt.“ 
Es ist nicht die erste Klage meines empfindsamen linken Ohres.
„Du hast ja recht.“, entgegne ich. „Wir gehen in den hinteren Teil des Gartens, suchen ein ruhiges Plätzchen und dort werde ich lesen.“
Nur ab und zu vernehmen wir das Quaken der Frösche im nahen Teich. Nach einiger Zeit meldet sich mein Ohr erneut. „Der Bahnlärm ist besonders schlimm, wie kannst du überhaupt lesen dabei!“
„Ja, das ist leider so“, entgegne ich. „Heute ist wieder so ein Tag, da trägt der Wind das Rattern der vorbeifahrenden Züge direkt zu uns herüber. Es ist dir gelungen, mir die Freude am Lesen zu nehmen! Ich habe mich bemüht, diese tägliche Lärmkulisse zu verdrängen. An vielen Tagen ist mir das auch gut gelungen. Du aber jammerst und mäkelst immer wieder darüber und erinnerst mich daran. Kannst du endlich damit aufhören und dich einfügen?“
Ganz früh, an einem Sonntagmorgen, werde ich von einem hohen Pfeifton im linken Ohr geweckt. „Was soll das denn? Hör sofort damit auf, das kann ich nicht ertragen“, sage ich vorwurfsvoll zum Ohr. Das erwidert deprimiert: „Auch ich höre das zischende Pfeifen und kann nichts dagegen tun. Seit Tagen wird in diesem Haus und leider auch im Garten gewerkelt, gehämmert und umgebaut. Die lauten Geräusche der Bohrmaschine, des Schwingschleifers und der Flex konnte ich kaum aushalten. Nun haben sich die vielschichtigen Höreindrücke verselbständigt und setzen sich unabhängig von äußeren Reizen in deinem Gehirn fest. Diese Überaktivität bleibt wohl für immer bei dir bestehen. Ich kann dir nicht helfen; wir beide müssen uns daran gewöhnen.“
„Das kann und will ich nicht glauben“, antwortete ich. „Auf keinen Fall werde ich diesen Zustand hinnehmen, und am Montag werde ich sofort einen Arzt konsultieren.“
Täglich erinnert mich mein linkes Ohr an den unliebsamen Mitbewohner. „Hörst du ihn? Er ist immer noch da. Er hört nicht auf!“
„Wir müssen eine Lösung finden“, sage ich eines Tages zu meinem Ohr. „Gemeinsam haben wir die Untersuchungen ertragen und die Prognosen und Meinungen der verschiedenen Ärzte gehört. Der lästige Pfeifer wird wohl bleiben. Daher werden wir daran arbeiten, den unerwünschten Störenfried zu verdrängen und uns bemühen überhaupt nicht mehr an ihn zu denken. Zum Einschlafen hören wir Entspannungsmusik.“
Nach einigen Wochen kann ich meinem Ohr die gute Botschaft übermitteln, dass ich das Geräusch kaum mehr wahrnehme und es in einer tiefen Ecke meines Gehirns versteckt habe. Über dieses Thema sprechen wir nun schon lange nicht mehr.

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