Dienstag, 28. Februar 2017

Die neue Schachtel



Maren
Die neue Schachtel

Heute bin ich geboren. Ich nenne es einfach so. Eigentlich sagt man so etwas nur zu Lebewesen. Wie mir später in meinem Schachtelleben gesagt wurde. Aber nun, als der letzte Falz mir meine Vollendung gab, wurde ich einen Tisch weitergereicht mit den Worten: „Das ist aber eine schöne Schachtel geworden, die sollten wir direkt ins Schaufenster stellen“. Ich blähte mich vor lauter Stolz auf. Mir fiel aber rechtzeitig ein, dass ich mich zum Erhalt meiner guten Form keiner Gemütserregung hingeben darf - es könnte sich ein Falz lösen.
Ich kam also ins Schaufenster, ein spannender Ort. Viele Passanten blieben stehen und betrachteten die Auslagen. Ich versuchte, die Sonnenstrahlen auf mich zu lenken, damit ich neben dem Zeichenblock, den ich recht fade fand, mehr Beachtung bekäme. Es dauerten zwei Wochen bis mich eine Käuferin aus dem inzwischen recht staubigen Schaufenster erlöste. Sie packte mich in ihren Einkaufskorb, enttäuschend war dabei für mich, inmitten anderer Einkäufe keinen besonderen Platz zu bekommen. Im Haus meiner Besitzerin wurde ich zuerst achtlos auf einen kleinen braunen Schrank gestellt, ohne Willkommensgruß oder: ‚Schaut einmal, welch schöne Schachtel ich gefunden habe‘. Nein, ich wurde darauf begutachtet, was man in mich hinein packen könnte. Es gab keine Hinweise oder Mitsprache meinerseits, wer sollte auch schon auf eine Schachtel hören. Alte Malstifte wurden in mich gepackt. Dann bekam ich einen Platz im Kinderzimmer. Ich ahnte Schlimmes aber es kam schlimmer. Nach dem Benutzen der Stifte wurden diese in mich hinein geworfen, an meinen Seitenwänden zeichneten sich überall Farbreste ab. Schokoladebeschmierte Kinderhände hinterließen deutliche Spuren, schließlich war der Deckel an der rechten Seite eingerissen. Ein Schreibblock, mit dem ich mich inzwischen angefreundet hatte, tröstete mich, indem er sagte: „Die Malbegeisterung der Kinder endet meist mit sechs“. Die Kinder waren fünf. Ich ertrug es. Ich ertrug es auch, dass ich nach der geschätzten Zeit irgendwann ins Regal gestellt wurde und in mir die Fotos der lustigen kreativen Kinder aufbewahrt wurden. Der Schreibblock hatte bereits viele Nachfolger, meine Schönheit hatte zwar gelitten, aber die Robustheit meiner Pappe lies mich noch einige Jahre überleben.
Ich war ein praktisches Behältnis, keiner kannte meine Träume. Keiner kannte meine Sehnsüchte nach der Zeit, als ich eine wunderschöne Schachtel war.

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