Maren
Die neue Schachtel
Heute
bin ich geboren. Ich nenne es einfach so. Eigentlich sagt man so etwas nur zu
Lebewesen. Wie mir später in meinem Schachtelleben gesagt wurde. Aber nun, als
der letzte Falz mir meine Vollendung gab, wurde ich einen Tisch weitergereicht
mit den Worten: „Das ist aber eine schöne Schachtel geworden, die sollten wir
direkt ins Schaufenster stellen“. Ich blähte mich vor lauter Stolz auf. Mir
fiel aber rechtzeitig ein, dass ich mich zum Erhalt meiner guten Form keiner
Gemütserregung hingeben darf - es könnte sich ein Falz lösen.
Ich kam
also ins Schaufenster, ein spannender Ort. Viele Passanten blieben stehen und
betrachteten die Auslagen. Ich versuchte, die Sonnenstrahlen auf mich zu lenken,
damit ich neben dem Zeichenblock, den ich recht fade fand, mehr Beachtung bekäme.
Es dauerten zwei Wochen bis mich eine Käuferin aus dem inzwischen recht
staubigen Schaufenster erlöste. Sie packte mich in ihren Einkaufskorb,
enttäuschend war dabei für mich, inmitten anderer Einkäufe keinen besonderen
Platz zu bekommen. Im Haus meiner Besitzerin wurde ich zuerst achtlos auf einen
kleinen braunen Schrank gestellt, ohne Willkommensgruß oder: ‚Schaut einmal,
welch schöne Schachtel ich gefunden habe‘. Nein, ich wurde darauf begutachtet,
was man in mich hinein packen könnte. Es gab keine Hinweise oder Mitsprache
meinerseits, wer sollte auch schon auf eine Schachtel hören. Alte Malstifte
wurden in mich gepackt. Dann bekam ich einen Platz im Kinderzimmer. Ich ahnte Schlimmes
aber es kam schlimmer. Nach dem Benutzen der Stifte wurden diese in mich hinein
geworfen, an meinen Seitenwänden zeichneten sich überall Farbreste ab. Schokoladebeschmierte
Kinderhände hinterließen deutliche Spuren, schließlich war der Deckel an der
rechten Seite eingerissen. Ein Schreibblock, mit dem ich mich inzwischen
angefreundet hatte, tröstete mich, indem er sagte: „Die Malbegeisterung der
Kinder endet meist mit sechs“. Die Kinder waren fünf. Ich ertrug es. Ich ertrug
es auch, dass ich nach der geschätzten Zeit irgendwann ins Regal gestellt wurde
und in mir die Fotos der lustigen kreativen Kinder aufbewahrt wurden. Der
Schreibblock hatte bereits viele Nachfolger, meine Schönheit hatte zwar
gelitten, aber die Robustheit meiner Pappe lies mich noch einige Jahre überleben.
Ich
war ein praktisches Behältnis, keiner kannte meine Träume. Keiner kannte meine Sehnsüchte
nach der Zeit, als ich eine wunderschöne Schachtel war.
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