Montag, 20. März 2017

Nähkorberinnerungen



Wendula
Nähkorberinnerungen

Meine Mutter hatte keinen Nähkasten, sondern einen großen Nähkorb. Dieser Nähkorb war mit einem bunten Blumenkreton gefüttert, der im Innern zu kleinen Taschen gemacht war. Dazu gab es eine Decke aus dem gleichen Stoff mit einer Rüsche rundherum. Für mich war das ein ausgesprochener Wunderkorb. Immer wieder gab es etwas Neues zu entdecken, wobei die Nähseiden und die Knopfkästen am interessantesten waren. Die Seiden konnte man als erstes enttüddeln und dann nach Farben ordnen. Die Knopfkästen beflügelten die Phantasie aber noch mehr. Da gab es den
mittelgroßen, mit Schottenmuster verzierten Blechkasten, dessen Inhalt aus goldenen Marineuniformknöpfen und silbernen
Blazerknöpfen bestand. Ein heißgeliebter Solitär war für mich ein kleiner goldener Knopf mit einem leuchtend grünen Stein.
Ein absoluter Schatz! In einem bunten Pappkasten, offensichtlich mal mit Karamelbonbons aus Travemünde erworben, lebten die edlen, umsponnenen weißen Wäscheknöpfe von klitzeklein bis brauchbar. Eine Blechdose mit einem erhabenen, gepunkteten und von meinen Brüdern gehämmerten Hakenkreuz wurde für Perlmuttknöpfe benutzt. Gößere Zigarrenkisten mit Mantelknöpfen luden zum Wühlen und Zählen ein. Die durfte ich dann mit Perlgarn auffädeln und zusammenbinden. In der Zeit saß meine Mutter mit mir im Wohnzimmer und hatte den Stopfkorb neben sich stehen.
Der Volksempfänger übertrug die Rede des „Führers“ - eine echte Geduldsprobe, aber für meine Mutter zählte nur das Ergebnis
ihrer Stopfarbeit. Stolz verkündigte sie: 32 Paar Strümpfe während einer Rede! Sehr kaputt können sie nicht gewesen sein - denn die bei uns so genannten "Kuhlöcher", die müssen gefehlt haben!

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