Samstag, 10. Februar 2018

Der Silberfischkönig




Ursula
Der Silberfischkönig

Es war einmal an einem dieser langen Abende im Januar.
Das Feuer knisterte leise im Kamin, und warme Behaglichkeit lullte mich ein. Müdigkeit kroch aus den Ecken, Schlaf lag in der Luft. Ein Geräusch weckte meine Aufmerksamkeit, wie Kratzen, Klopfen, Rieseln, Schaben. Meinen Ohren kann ich nicht mehr ganz trauen. Hatte ich mich geirrt? Das Geraschel blieb. Ich stand auf, um mich umzusehen und entdeckte in der lichtscheuen Zimmerecke ein kleines Loch, das sich zusehends vergrößerte. Kleine Mauerbröckchen kullerten dort heraus und Staub wirbelte auf. Gespannt sah ich der im Halbdunkel liegenden Bewegung und Veränderung zu. Was würde das werden?
Kleine eifrige Hände und ein Kopf mit silbergrauen Haaren, die in einer Außenrolle im Nacken endete, wurden sichtbar. Blitzblaue Augen funkelten mir entgegen. Mit einem kräftigen Stoß befreite sich ein walnussgroßes Männlein aus seinem Mauerwerktor und trat ein in meine gute Stube. Er trug einen zartblauen Overall und silberglänzende Schuhe, die an Fischleder erinnerten. Jede seiner Hände hatte drei Finger, die durch Schwimmhäute verbunden waren. An einem Finger glänzte ein Ring mit rotem Stein. Sein Haupt krönte ein silberner Reif. Ein Stöckchen, einem Zepter gleich tanzte in seiner Hand. Er stand vor mir, die Hände in die Mitte seines Leibes gestemmt, und sah mich herausfordernd mit funkelnden Augen an. „Wer bist du denn?“, fragte ich ihn, mich hinunter bückend, zutiefst erschrocken und erstaunt.
„Ich bin Silbrino der 13. König der Silberfischchen“, sprach er mit klarer feiner Stimme und streckte sich um den Bruchteil eines Millimeters in die Höhe. „Mein Reich liegt im Untergrund deines Hauses und ist in großer Gefahr. Deine neue Heizung nimmt jedes Wassertröpfchen aus dem Mauerwerk und die ständige Kaminbefeuerung lässt die winzigste Oase austrocknen. Scharfriechende Putzmittel vergiften mein Volk und machen ihm das Leben schwer. Mein Fischschwarm wird krank und matt. Gerade in einer Zeit, in der wir eine Hochkultur erleben. Meine Schnellläufer sind die rasantesten Spurter. Kein Geziefer überholt sie, die trägen Asseln  haben wunde Hände vom ständigen Beifallklatschen. Ich bitte dich, nimm Rücksicht auf uns, sei mit weniger Wärmegraden zufrieden und putze mit grüner Seife. Der Himmel wird’s dir danken.“
Ich verspreche dem kleinen König die Heizung herunter zu drehen. Der Silberfisch-Monarch verbeugt sich mit einem zierlichen Kratzfuß und verschwindet in dem Mauertor… Ups das Telefon klingelt. War ich eingeschlafen?


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