Ursula
Der
Silberfischkönig
Es
war einmal an einem dieser langen Abende
im Januar.
Das Feuer knisterte leise im Kamin, und warme
Behaglichkeit lullte mich ein. Müdigkeit kroch aus den Ecken, Schlaf lag in der
Luft. Ein Geräusch weckte meine Aufmerksamkeit, wie Kratzen, Klopfen, Rieseln, Schaben.
Meinen Ohren kann ich nicht mehr ganz trauen. Hatte ich mich geirrt? Das
Geraschel blieb. Ich stand auf, um mich umzusehen und entdeckte in der lichtscheuen
Zimmerecke ein kleines Loch, das sich zusehends vergrößerte. Kleine
Mauerbröckchen kullerten dort heraus und Staub wirbelte auf. Gespannt sah ich
der im Halbdunkel liegenden Bewegung und Veränderung zu. Was würde das werden?
Kleine eifrige Hände und ein Kopf mit
silbergrauen Haaren, die in einer Außenrolle im Nacken endete, wurden sichtbar.
Blitzblaue Augen funkelten mir entgegen. Mit einem kräftigen Stoß befreite sich
ein walnussgroßes Männlein aus seinem Mauerwerktor und trat ein in meine gute
Stube. Er trug einen zartblauen Overall und silberglänzende Schuhe, die an
Fischleder erinnerten. Jede seiner Hände hatte drei Finger, die durch
Schwimmhäute verbunden waren. An einem Finger glänzte ein Ring mit rotem Stein.
Sein Haupt krönte ein silberner Reif. Ein Stöckchen, einem Zepter gleich tanzte
in seiner Hand. Er stand vor mir, die Hände in die Mitte seines Leibes gestemmt,
und sah mich herausfordernd mit funkelnden Augen an. „Wer bist du denn?“,
fragte ich ihn, mich hinunter bückend, zutiefst erschrocken und erstaunt.
„Ich bin Silbrino der 13. König der
Silberfischchen“, sprach er mit klarer feiner Stimme und streckte sich um den
Bruchteil eines Millimeters in die Höhe. „Mein Reich liegt im Untergrund deines
Hauses und ist in großer Gefahr. Deine neue Heizung nimmt jedes Wassertröpfchen aus
dem Mauerwerk und die ständige Kaminbefeuerung lässt die winzigste Oase austrocknen.
Scharfriechende Putzmittel vergiften mein Volk und machen ihm das Leben schwer.
Mein Fischschwarm wird krank und matt. Gerade in einer Zeit, in der wir eine
Hochkultur erleben. Meine Schnellläufer sind die rasantesten Spurter. Kein
Geziefer überholt sie, die trägen Asseln
haben wunde Hände vom ständigen Beifallklatschen. Ich bitte dich, nimm
Rücksicht auf uns, sei mit weniger Wärmegraden zufrieden und putze mit grüner
Seife. Der Himmel wird’s dir danken.“
Ich
verspreche dem kleinen König die Heizung herunter zu drehen. Der
Silberfisch-Monarch verbeugt sich mit einem zierlichen Kratzfuß und verschwindet
in dem Mauertor… Ups das Telefon klingelt. War ich eingeschlafen?
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