Cordula
Das
Fenster
Das Fenster ist weit geöffnet. Sie sitzt
auf der breiten Fensterbank in der oberen Etage. Dem Himmel nahe. Wolken ziehen
auf. Schwül ist es und die Luft im Raum stickig.
Ihr Blick ist angstvoll und traurig
zugleich auf die Tür gerichtet. Er muss gehen. Sie hatten nur ein paar Stunden
Zeit füreinander, zu wenig. Wann wird er wieder kommen? Es ist ungewiss. Sie
hatte sich für dieses Treffen hübsch zurecht gemacht. Ihr neues, etwas offene
Kleid noch einmal gebürstet, die Kette, die sie von ihm geschenkt bekam,
angelegt, die Frisur mit einem Haarreifen geschmückt. Die wenige Zeit, die sie
füreinander hatten, war viel zu schön, um jetzt voneinander Abschied nehmen zu
müssen. Dieser Abschied fiel beiden unsagbar schwer. Ihn zum Bahnhof zu
begleiten, das konnte sie nicht. Sie würde vor all den vielen Leuten in Tränen
ausbrechen. Das wollte sie ihm nicht zumuten. Lieber am offenen Fenster sitzen
und ihm solange zuwinken, bis er um die Ecke bog. Dann konnte sie weinen,
hemmungslos. Wie lange er fortbleiben würde, dass wusste keiner von beiden. Sie
hatten sich aber geschworen, einander zu schreiben, so oft es ging.
Und dann, was sollte sie ohne ihn machen?
Aber dies würde der Augenblick entscheiden. Sie würde erst einmal das tun, was
sie angefangen hatte. Sie würde weiter studieren, solange es ging. Ärztin
wollte sie werde. Diesen Weg wollten sie fortsetzen.
Impulsgeber: Balthus, Das Fenster; 1933
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