Dienstag, 3. April 2018

Das Fenster



Cordula
Das Fenster

Das Fenster ist weit geöffnet. Sie sitzt auf der breiten Fensterbank in der oberen Etage. Dem Himmel nahe. Wolken ziehen auf. Schwül ist es und die Luft im Raum  stickig.

Ihr Blick ist angstvoll und traurig zugleich auf die Tür gerichtet. Er muss gehen. Sie hatten nur ein paar Stunden Zeit füreinander, zu wenig. Wann wird er wieder kommen? Es ist ungewiss. Sie hatte sich für dieses Treffen hübsch zurecht gemacht. Ihr neues, etwas offene Kleid noch einmal gebürstet, die Kette, die sie von ihm geschenkt bekam, angelegt, die Frisur mit einem Haarreifen geschmückt. Die wenige Zeit, die sie füreinander hatten, war viel zu schön, um jetzt voneinander Abschied nehmen zu müssen. Dieser Abschied fiel beiden unsagbar schwer. Ihn zum Bahnhof zu begleiten, das konnte sie nicht. Sie würde vor all den vielen Leuten in Tränen ausbrechen. Das wollte sie ihm nicht zumuten. Lieber am offenen Fenster sitzen und ihm solange zuwinken, bis er um die Ecke bog. Dann konnte sie weinen, hemmungslos. Wie lange er fortbleiben würde, dass wusste keiner von beiden. Sie hatten sich aber geschworen, einander zu schreiben, so oft es ging.

Und dann, was sollte sie ohne ihn machen? Aber dies würde der Augenblick entscheiden. Sie würde erst einmal das tun, was sie angefangen hatte. Sie würde weiter studieren, solange es ging. Ärztin wollte sie werde. Diesen Weg wollten sie fortsetzen.

Impulsgeber: Balthus, Das Fenster; 1933

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