Valerie
In der Arche
Zu
Hause war es mal wieder nicht zum Aushalten. Der Alte hatte gesoffen und pennte
im Wohnzimmer seinen Rausch aus. Laut schnarchend lag er auf dem Sofa, im Unterhemd und mit seinen ausgeleierten
Cordhosen. Mama zeterte in der Küche mit Jonas rum, weil der sein Abendbrot nicht
essen wollte und brüllend am Tisch saß. Meine Schwester Anna blockierte das Bad.
Wahrscheinlich rasierte sie sich stundenlang ihre Haare an den Beinen,
vielleicht ritzte sie sich aber auch.
Als Mama
dann noch anfing, mit mir rumzumeckern von wegen meiner lila Haare, schnappte ich
meine Kapuzenjacke und flüchtete aus der Wohnung. Der Fahrstuhl war defekt, wie
immer. Außerdem stank er nach Pisse, denn Oma Meyer aus dem 8. Stock schafft es
nicht mehr, mit ihrem ollen Pudel Gassi zu gehen. Sie bringt ihn nur bis zum
Fahrstuhl und schlurft dann wieder mit der Töle in ihre Wohnung zurück.
Ich
ging los zur Arche, dem Jugendclub der Kirche. Es war Monatsende. Ich war blank.
Da ging nichts anderes mehr, keine Disco und auch kein anderer Club, wo man schwer
hätte blechen müssen. Ich hoffte, die anderen wären auch da: Basti und Marie und Leonie und Brix. Ich legte einen
Zahn zu, weil es anfing zu regnen.
Vor
der Arche begrüßte mich Heiner, der an der Tür stand und rauchte. „Willst auch
eine?“ Ich sagte nicht nein. So standen wir eine Zeitlang schweigend
nebeneinander, schauten dem Regen zu und den Leuten, die schwerbepackt aus dem
Supermarkt kamen und zu ihren Autos rannten. „Stress zu Hause?“, fragte Heiner.
„Ja, kannste wohl meinen. Der Alte ist schon wieder hacke dicke voll und Mama obergestreßt.
Da rutscht ihr leicht mal die Hand aus. Bin ich lieber abgehauen.“ Er nickte.
Wir gingen
rein. Brix und Leonie standen am Tischfußball und kickerten. Aus dem Keller hörte
ich das Ping-Pong vom Tischtennis und Bastis laute Lache. Heiner gab mir eine
Cola und ich schlenderte zu Leonie. Die grinste mich an. Sie war am Gewinnen. Brix
war trotzdem entspannt. Brix ist immer entspannt. Keine Ahnung, wie er das
macht.
„Hey,
Melanie“, begrüßte er mich und boxte mir leicht auf die Schulter. „Schön, dass du
da bist. Dann sind wir genug zum Karten kloppen.“ „Nee, keine Lust.“ „Ach, sei
keine Spielverderberin.“ Aber Leonie kam mir zu Hilfe: „Lass sie in Ruhe. Hat
bestimmt wieder Stress zu Hause.“ Ich verdrehte die Augen. Sie hakte mich unter
und wir flenzten uns auf die Couch. Und hingen eine Runde ab.
Heiner
hatte Blues aufgelegt, was überhaupt nicht mein Ding ist, aber Brix sagt immer:
„Lass ihn machen, er muss schließlich uns aushalten, dann gönn ihm wenigsten
seine Mucke.“ Brix ist wirklich ziemlich entspannt.
Nach einiger
Zeit kamen die anderen von unten hoch, Basti und Selma. Marie war nicht da. Auch
Brix setzte sich zu uns. Heiner schleppte einen Topf Gulaschsuppe ran, der von
den Obdachlosen übrig geblieben war und auch eine Platte mit Brötchen, einige
sogar mit Krabben und mit Schinken. Die Obdachlosen waren heute anscheinend
nicht hungrig gewesen oder hatten was anderes vorgehabt. Ich merkte, dass ich seit dem Frühstück noch
nichts gegessen hatte. Mama war wieder nicht nach Kochen zumute gewesen und auf
Brot mit lascher Mortadella hatte ich nach zig Tagen nun wirklich keinen Bock
mehr gehabt.
Im Nu
hatten wir alles weggefuttert. Als Heiner sah, wie schnell der Tisch leer war, brachte
er uns noch Obst und ein paar
Salzstangen und drei Tetrapack O-Saft. „Dass Ihr mir nicht verhungert“,
sagte er augenzwinkernd. „Alles vom lieben Gott.“ Das sagt er immer und natürlich grölen wir
dann vor Lachen.
Wir stellten
die Glotze an. Es lief ‚Wer wird Millionär‘. Millionäre wären wir alle nicht
geworden, wobei, Basti wusste schon einiges. Ich aber wusste, wie die Kleine
von der aus Schweden heißt. Prinzessin Estelle. "Was du alles weißt, meine
Schöne“, sagte Brix. Und auch die anderen bewunderten mich. Das ging mir runter
wie Öl.
Um
Mitternacht hat Heiner uns rausgeschmissen, von wegen Feierabend und dass er seinen Schlaf braucht.
Aber er hat uns in seinen altersschwachen VW-Bus verfrachtet und jeden nach
Hause gefahren. Bis ganz vor die Haustür. Das muss man sich mal reinziehen.
Jeden von uns. Bis ganz vor die Haustür.
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