Gabriele
Mein Name ist Anselm
Ich bin der Älteste, Stärkste, Erfahrenste der Gruppe
und somit Chef des größten Heringschwarmes im Atlantik. Doch ich fürchte, seit
heute nicht mehr der Respektierteste.
Was war passiert? Wir waren gut unterwegs, und dann
war ich für den Bruchteil einer Sekunde unaufmerksam gewesen, hing
Tagträumereien nach. Wie konnte ich mir das erlauben? Eben war alles gut
gewesen und dann, wie aus dem Nichts, pflügte ein Ungeheuer von rechts in mein
Volk, wütete im Zick-Zack-Kurs nach vorne und biss mir, mir, dem Chef, in
die Flanke. Ein grauenhaftes, nie zuvor gesehenes Biest. Die Wunde war nicht
groß, aber meine Erschütterung über das unglaubliche Geschehen haute mich um,
ich war einer Ohnmacht nahe.
Aus dem Augenwinkel sehe ich jetzt, wie der stramme
Konrad sich quer vor mir aufbaut. Seine Rüstung schimmert, er spielt mit seinen
Muskeln, er ist glatt und schier. Ein Jüngelchen, keine Ahnung von
nichts.
Gut meinende Weiber drängen mich sehr bestimmt in die
Mitte des Schwarms, versorgen meine Wunden, raunen Beruhigendes. Ich hasse sie.
Ich gebe vor, mich willig in ihren Schutz zu begeben, aber in mir rasen die
Überlegungen wie ich wieder an meinem Platz käme und vor allem wie Konrad
zurück an den seinen. Ich wünsche ihm alles Schlechte. Es gehört sich nicht, so
ohne Vorwarnung zuzuschlagen, dermaßen respektlos zu sein. Wie lange er wohl
schon auf so ein Geschehen gehofft hat? Das kann man doch würdiger gestalten,
verhandeln, einen Konsens, einen sanften Übergang finden.
Nun habe ich das erste Mal aber auch die Gelegenheit
in Ruhe nachzudenken. War die Entscheidung richtig gewesen, an den Seiten,
sowie am Ende des Schwarms einen Mix aus Schwachen, Kranken, sowie erfahrenen,
aber alten Mitgliedern zu positionieren? Wir waren uns einig, es sind dann die
am meisten gefährdet, die am wenigsten wichtig sind. So ist das halt. Im Grund
genommen ist ja alles durchdacht. Die Fittesten, Stärksten sind vorne, sie
bekommen als erste das beste Essen, aber sie verbrauchen auch die meiste
Energie. Und der Stärkste, Erfahrenste, Klügste ist ganz vorne. Das bin
ich.
Mir fällt ein, wie ich meine Position erkämpft habe.
Es war nicht leicht gewesen. Mein Konkurrent hatte die größere Lobby und war,
das muss ich zugeben, mit attraktiveren Flossen ausgestattet, insgesamt aber
ein Arsch. Natürlich wusste ich immer, dass ich irgendwann meine Position
verlieren werde. Meine Hoffnung war, zum gleichen Zeitpunkt mein Leben zu
verlieren. Nicht diese Schmach der Zurückdrängung erleben zu müssen. Eben kommt
der Gedanke an meinen Vorgänger auf, wie das alles war. Da denke ich nicht
gerne weiter, muss ja auch nicht sein, es ist jetzt nicht der richtige
Zeitpunkt diesen Erinnerungen nachzuhängen.
Ich merke, wie ich mich erhole, höre den Sermon um
mich, ein schreckliches Geschwafel.
Beäuge die Jungen, manche hübsche Kerlchen, einige
werden meine Kinder sein, ich kenne sie nicht, wir haben keine Bindung an
unsere Nachkommen. Meine Konzentration nimmt zu. Konrad hat eine neue Route
aufgenommen. Was für ein Idiot. Doch dann kommen wir in eine Gegend, die
paradiesischer nicht sein könnte, anders kann ich es nicht sagen. Weit und
breit keine Feinde, phantastische Algen, Krebstiere, Fischlarven und viel
Platz. Wir relaxen, können Abstand voneinander nehmen, es ist wunderbar.
Konrad schwimmt auf mich zu.
„Na“, sagt er, „geht’s wieder?“
Ich nicke, straffe meinen Körper, versuche mich
aufzuplustern, doch was ich außen an Form gewinne, scheint innerlich irgendwie
schmerzhaft zu fehlen.
Er sagt, er habe diesen tollen Platz rein zufällig
gefunden und fragt: „Willst du gleich wieder übernehmen, oder dich noch ein
wenig ausruhen?“
Ich denke, der Typ ist doch nicht so übel und sage: „Ich
bin wieder fit, aber vielleicht übernehmen wir beide die Führung, was meinst
du?“
Er nickt überrascht und ich denke, was bin ich doch
für ein großartiger Kerl.
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