Mittwoch, 27. Februar 2019

Mein Name ist Anselm


Gabriele
Mein Name ist Anselm

Ich bin der Älteste, Stärkste, Erfahrenste der Gruppe und somit Chef des größten Heringschwarmes im Atlantik. Doch ich fürchte, seit heute nicht mehr der Respektierteste. 

Was war passiert? Wir waren gut unterwegs, und dann war ich für den Bruchteil einer Sekunde unaufmerksam gewesen, hing Tagträumereien nach. Wie konnte ich mir das erlauben? Eben war alles gut gewesen und dann, wie aus dem Nichts, pflügte ein Ungeheuer von rechts in mein Volk, wütete im Zick-Zack-Kurs nach vorne und biss mir, mir, dem Chef, in die Flanke. Ein grauenhaftes, nie zuvor gesehenes Biest. Die Wunde war nicht groß, aber meine Erschütterung über das unglaubliche Geschehen haute mich um, ich war einer Ohnmacht nahe.

Aus dem Augenwinkel sehe ich jetzt, wie der stramme Konrad sich quer vor mir aufbaut. Seine Rüstung schimmert, er spielt mit seinen Muskeln, er ist glatt und schier. Ein Jüngelchen, keine Ahnung von nichts. 

Gut meinende Weiber drängen mich sehr bestimmt in die Mitte des Schwarms, versorgen meine Wunden, raunen Beruhigendes. Ich hasse sie. Ich gebe vor, mich willig in ihren Schutz zu begeben, aber in mir rasen die Überlegungen wie ich wieder an meinem Platz käme und vor allem wie Konrad zurück an den seinen. Ich wünsche ihm alles Schlechte. Es gehört sich nicht, so ohne Vorwarnung zuzuschlagen, dermaßen respektlos zu sein. Wie lange er wohl schon auf so ein Geschehen gehofft hat? Das kann man doch würdiger gestalten, verhandeln, einen Konsens, einen sanften Übergang finden. 

Ich blicke um mich und was ich sehe, lässt mich erschauern. Ich bin unter Schwarmmitgliedern, von deren Existenz ich wohl weiß, die ich aber nie gesehen habe. Veteranen, Behinderte, Frauen, Kinder. Und ich. Manche sehen mich erstaunt an, andere erfreut, manche wenden verlegen den Blick ab. Es ist grauenvoll. Ich schließe die Augen, öffne manchmal mein Maul und man schiebt mir Leckerbissen zu, die ich lustlos schlucke. Aber ich muss essen, zu Kräften kommen, mich erst einmal schonen und lasse mich von anderen nach vorne schieben, mitziehen.

Nun habe ich das erste Mal aber auch die Gelegenheit in Ruhe nachzudenken. War die Entscheidung richtig gewesen, an den Seiten, sowie am Ende des Schwarms einen Mix aus Schwachen, Kranken, sowie erfahrenen, aber alten Mitgliedern zu positionieren? Wir waren uns einig, es sind dann die am meisten gefährdet, die am wenigsten wichtig sind. So ist das halt. Im Grund genommen ist ja alles durchdacht. Die Fittesten, Stärksten sind vorne, sie bekommen als erste das beste Essen, aber sie verbrauchen auch die meiste Energie. Und der Stärkste, Erfahrenste, Klügste ist ganz vorne. Das bin ich. 

Mir fällt ein, wie ich meine Position erkämpft habe. Es war nicht leicht gewesen. Mein Konkurrent hatte die größere Lobby und war, das muss ich zugeben, mit attraktiveren Flossen ausgestattet, insgesamt aber ein Arsch. Natürlich wusste ich immer, dass ich irgendwann meine Position verlieren werde. Meine Hoffnung war, zum gleichen Zeitpunkt mein Leben zu verlieren. Nicht diese Schmach der Zurückdrängung erleben zu müssen. Eben kommt der Gedanke an meinen Vorgänger auf, wie das alles war. Da denke ich nicht gerne weiter, muss ja auch nicht sein, es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt diesen Erinnerungen nachzuhängen. 

Ich merke, wie ich mich erhole, höre den Sermon um mich, ein schreckliches Geschwafel.
Beäuge die Jungen, manche hübsche Kerlchen, einige werden meine Kinder sein, ich kenne sie nicht, wir haben keine Bindung an unsere Nachkommen. Meine Konzentration nimmt zu. Konrad hat eine neue Route aufgenommen. Was für ein Idiot. Doch dann kommen wir in eine Gegend, die paradiesischer nicht sein könnte, anders kann ich es nicht sagen. Weit und breit keine Feinde, phantastische Algen, Krebstiere, Fischlarven und viel Platz. Wir relaxen, können Abstand voneinander nehmen, es ist wunderbar.

Konrad schwimmt auf mich zu. 
„Na“, sagt er, „geht’s wieder?“
Ich nicke, straffe meinen Körper, versuche mich aufzuplustern, doch was ich außen an Form gewinne, scheint innerlich irgendwie schmerzhaft zu fehlen.
Er sagt, er habe diesen tollen Platz rein zufällig gefunden und fragt: „Willst du gleich wieder übernehmen, oder dich noch ein wenig ausruhen?“
Ich denke, der Typ ist doch nicht so übel und sage: „Ich bin wieder fit, aber vielleicht übernehmen wir beide die Führung, was meinst du?“
Er nickt überrascht und ich denke, was bin ich doch für ein großartiger Kerl.





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