Donnerstag, 30. Mai 2019

Selbstbildnis eines Malers - Der Künstler erzählt I


Valerie
Abschied  und Aufbruch

In einer Woche werde ich meine Heimatstadt verlassen. Es macht mich wehmütig, wenn ich daran denke, die sonnigen Weinberge, die Hügel im dämmerigen Abendlicht, den Fluss, der träge dahin fließt, das alles nicht mehr zu sehen, alles, was mein Leben bislang begleitet und geprägt hat. Und Trauer füllt mein Herz, denke ich an den Abschied von den Eltern. Der fällt am schwersten, sehe ich doch die rot verweinten Augen der Mutter, auch wenn sie tapfer ihren Schmerz  vor mir zu verbergen sucht.
Aber ich habe das Gefühl, nein ich weiß, ich muss das Bekannte, das allzu Bekannte,  hinter mir lassen. Einen unbändigen Hunger habe ich, Neues kennenzulernen. Dieser Hunger ist es, der mich treibt. Nach Italien werde ich gehen. Meine Malerei wird sich im flirrenden, ja gleißenden Licht dort verändern und auch mich verwandeln. Leicht und durchscheinend werden die Farben meiner Palette werden.
Und Frauen werde ich begegnen und mein Jünglingsein werde ich abstreifen. Davor fürchte ich mich aber auch. Sehr sogar. Denn ich weiß nicht: Was ist das, ein Mann? Ich fühle den Mann in mir noch nicht, kann ihn noch nicht fassen. Eine flüchtige Ahnung davon, wer ich sein werde, steigt in mir nur auf,  wenn ich tagträume oder kurz bevor der Schlaf mich einhüllt

Auf der Erfolgsspur

Von zuhause aufzubrechen war die bislang beste Idee meines Lebens. Italien hat mich verändert. Die Maler, denen ich in Venedig begegnet bin, sie haben mich inspiriert, meinen Blick für Details geschult und mir bisher völlig unbekannte Techniken nahe gebracht. Jetzt habe ich mir einen Namen gemacht. Jetzt bin ich wer. Schon erreichen mich  zahlreiche Anfragen für Portraits, vom Adel, von den Patriziern, alles Stände, zu denen meine Eltern sich einen Kontakt nicht einmal vorstellen konnten. Das macht mich stolz und füllt auch prall mein Geldsäckel.
Die Frauen aber, sie waren eher enttäuschend für mich. Ich bin  kein Kostverächter erotischer Abenteuer und die Frauen sind auch alle äußerst hold und anmutig, aber sehr schnell schon langweilen sie mich doch, diese artigen Schönen.
Mich ziehen die Knaben an. Es reizt mich ihre schlanke Gestalt, ihr geschmeidiger junger Körper, der erste zarte Flaum in ihrem Gesicht, ihr schüchterner, scheuer Blick unter langen  Wimpern.  Das weckt mein Begehren, das durchgeistert nachts meine Träume, das macht mein Herz höher schlagen.
Ich möchte sie berühren, sie liebkosen, sie mit Küssen bedecken Und ich weiß, ich bin nicht der einzige, der so fühlt. In meinem Freund Palladio habe ich einen erfahrenen Seelengefährten. Er wird mir zeigen, wie ich es anstellen muss, auch für mich einen Lustknaben zu finden.



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