Dienstag, 2. Juli 2019

Das Gedankenkarussel


Valerie
Das Gedankenkarussell

Als sie ein kleines Mädchen war, reichte ein vierblättriges Kleeblatt zum Glücklichsein. Sie presste es in einem extra dafür angeschafften Heft und wusste: Ich bin ein Glückspilz.
Später, erwachsen, sollte es der Traumprinz sein, der sie glücklich machte. Aber das hatte bislang überhaupt nicht geklappt. War es doch auch schwierig: Wie sollte sie bei den Mannsbildern wissen, wer von ihnen ein vierblättriges Kleeblatt war? Das war keinem anzusehen. Und so kam sie mit jedem neuen Mann, den sie kennenlernte, vom Regen in die Traufe. 
Da sie ihren Freundinnen mit ihrem ewigen Liebeskummer auf die Nerven ging, hatten sie ihr ein Buch geschenkt. Anleitung zum Unglücklichsein, hieß es. Das war ziemlich frech, fand sie, hörte es sich doch so an, als würde man sich mit Absicht unglücklich machen wollen. So war das aber nicht. Es kam halt so. Sie wusste auch nicht, wie und warum. Sie las das Buch trotzdem. Wenn  sie es richtig verstand, hatte das mit dem „sich unglücklich machen“ irgendwie mit Gedanken zu tun.
Um dem auf den Grund zu gehen, saß sie nun in einem Meditationsseminar und beobachtete den Strom ihrer Gedanken. Irre war das. Die Gedanken hörten und hörten nicht auf. Ohne Stillstand gaben sie sich die Klinke in die Hand. Es waren beileibe keine neuen Gedanken, nein, es waren alte Vertraute, die sich in ihrem Kopf ein Stelldichein gaben und partout nicht abzuschütteln waren, sondern penetrant immer wieder auftauchten. Sie versuchte, sich auf den ein- und ausströmenden Atem zu konzentrieren, wie es die Lehrerin erklärt hatte. Als Hilfe hatte sie den Tipp bekommen, ihre Atemzüge zu zählen. Beim Einatmen 1, beim nächsten Einatmen 2. Und weiter bis 10. Dann wieder von vorn.
Hörte sich babyleicht an, war es aber nicht. Sie schaffte es kaum bis 2, denn schwuppdiwupp war sie der zählenden Atembetrachtung schon verloren gegangen und spielte zum x. Mal im Kopf ihre letzte Trennung durch. Was er gesagt hatte, was sie gesagt hatte, was daraufhin er gesagt hatte. Wie total  bekloppt der Typ doch war! Bei dem Gedanken stieg maßlose Wut in ihr auf. Was bildete der Kerl sich bloß ein? Dass sie aber auch immer auf solche Typen reinfiel. Jetzt beschimpfte sie sich. Aus ihr würde nie was werden. Nie würde sie den Richtigen finden. Ganz allein, ja einsam, würde sie ihr Leben fristen müssen. Ihr kamen Tränen vor Selbstmitleid.
Plötzlich ertönte die Glocke und riss sie aus ihrem grotesken Gedankenkarussell. Sie sah sich um. Der Typ war ja gar nicht da. Die Trennung lag etliche Wochen zurück. Und war berechtigt gewesen. Sie saß hier in einem schönen Raum auf ihrem Meditationskissen, umgeben von freundlichen Menschen - und  war tief unglücklich. Das war doch verrückt.
 „Wenn ihr immer in Gedanken seid, wenn ihr nicht bei dem seid,  was ihr gerade tut - essen beim Essen, Tee kochen beim Teekochen - dann verpasst ihr eure Verabredung mit dem Leben.“
Dieser Satz hatte sie schmerzhaft getroffen und ihr Herz angerührt. Aber letztendlich auch dazu geführt, dass sie den Willen aufbrachte, sich anzustrengen. Und tatsächlich kam sie in der nächsten Sitzung beim Zählen schon bis 3.

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