Valerie
Das Gedankenkarussell
Als
sie ein kleines Mädchen war, reichte ein vierblättriges Kleeblatt zum
Glücklichsein. Sie presste es in einem extra dafür angeschafften Heft und
wusste: Ich bin ein Glückspilz.
Später,
erwachsen, sollte es der Traumprinz sein, der sie glücklich machte. Aber das
hatte bislang überhaupt nicht geklappt. War es doch auch schwierig: Wie sollte
sie bei den Mannsbildern wissen, wer von ihnen ein vierblättriges Kleeblatt
war? Das war keinem anzusehen. Und so kam sie mit jedem neuen Mann, den sie
kennenlernte, vom Regen in die Traufe.
Da
sie ihren Freundinnen mit ihrem ewigen Liebeskummer auf die Nerven ging, hatten
sie ihr ein Buch geschenkt. Anleitung zum Unglücklichsein, hieß es. Das war
ziemlich frech, fand sie, hörte es sich doch so an, als würde man sich mit
Absicht unglücklich machen wollen. So war das aber nicht. Es kam halt so. Sie
wusste auch nicht, wie und warum. Sie las das Buch trotzdem. Wenn sie es richtig verstand, hatte das mit dem
„sich unglücklich machen“ irgendwie mit Gedanken zu tun.
Um
dem auf den Grund zu gehen, saß sie nun in einem Meditationsseminar und
beobachtete den Strom ihrer Gedanken. Irre war das. Die Gedanken hörten und
hörten nicht auf. Ohne Stillstand gaben sie sich die Klinke in die Hand. Es
waren beileibe keine neuen Gedanken, nein, es waren alte Vertraute, die sich in
ihrem Kopf ein Stelldichein gaben und partout nicht abzuschütteln waren,
sondern penetrant immer wieder auftauchten. Sie versuchte, sich auf den ein-
und ausströmenden Atem zu konzentrieren, wie es die Lehrerin erklärt hatte. Als
Hilfe hatte sie den Tipp bekommen, ihre Atemzüge zu zählen. Beim Einatmen 1,
beim nächsten Einatmen 2. Und weiter bis 10. Dann wieder von vorn.
Hörte
sich babyleicht an, war es aber nicht. Sie schaffte es kaum bis 2, denn
schwuppdiwupp war sie der zählenden Atembetrachtung schon verloren gegangen und
spielte zum x. Mal im Kopf ihre letzte Trennung durch. Was er gesagt hatte, was
sie gesagt hatte, was daraufhin er gesagt hatte. Wie total bekloppt der Typ doch war! Bei dem Gedanken
stieg maßlose Wut in ihr auf. Was bildete der Kerl sich bloß ein? Dass sie aber
auch immer auf solche Typen reinfiel. Jetzt beschimpfte sie sich. Aus ihr würde
nie was werden. Nie würde sie den Richtigen finden. Ganz allein, ja einsam,
würde sie ihr Leben fristen müssen. Ihr kamen Tränen vor Selbstmitleid.
Plötzlich
ertönte die Glocke und riss sie aus ihrem grotesken Gedankenkarussell. Sie sah
sich um. Der Typ war ja gar nicht da. Die Trennung lag etliche Wochen zurück.
Und war berechtigt gewesen. Sie saß hier in einem schönen Raum auf ihrem
Meditationskissen, umgeben von freundlichen Menschen - und war tief unglücklich. Das war doch verrückt.
„Wenn ihr immer in Gedanken seid, wenn ihr
nicht bei dem seid, was ihr gerade tut -
essen beim Essen, Tee kochen beim Teekochen - dann verpasst ihr eure
Verabredung mit dem Leben.“
Dieser
Satz hatte sie schmerzhaft getroffen und ihr Herz angerührt. Aber letztendlich
auch dazu geführt, dass sie den Willen aufbrachte, sich anzustrengen. Und
tatsächlich kam sie in der nächsten Sitzung beim Zählen schon bis 3.
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