Valerie
Die Scharenga-Laufstrecke
Kleeblatt – Bewegung – Klärung – Muße – Freunde –
Scharenga
Der
Arzt, Dr. Jäger, wusste auch nicht weiter. Da die Tabletten nicht den gewünschten
Erfolg gebracht hatten, war Jäger nun auf die abwegige Idee verfallen, ihm Bewegung zu verordnen. Ausgerechnet ihm,
der liebend gern - die Füße hoch - mit einem Bier und ein paar Salzstangen vor
der Glotze saß. Bewegung sollte es also nun bringen. Jedenfalls bis zu einer
weiteren Klärung durch noch anstehende
diverse Röntgen- und Blutuntersuchungen.
Hannes
machte sich damit bei seinen Freunden
zur Lachnummer. Weder seine Skatrunde noch jemanden aus dem Kleingartenverein
konnte er als Mitstreiter gewinnen. Stattessen musste er viel bösen Spott auf
seine Kosten ertragen. Das tat weh.
Er
ging die Sache langsam an, entsprechend seinem Lebensmotto: Immer mit der Ruhe. Zunächst kaufte er sich
ein Jogging-Outfit. Eine Hose und ein blaues Hemd, das laut Auskunft des Verkäufers
den Schweiß besonders gut aufnahm. Bioqualität. Und sauteuer. Hannes stöhnte innerlich
über diese in seinen Augen vollkommen überflüssige Geldausgabe. Die Klamotten hängte
er zu Hause erst mal in den Schrank. Zum
Sich-dran-gewöhnen.
Das
wichtigste aber fehlte ihm noch: die Schuhe. Das hatte er irgendwo gelesen, wenn
die Schuhe nichts taugten, dann war das mit dem Joggen sogar kontraproduktiv. Was
alles passieren konnte: Sehnen reißen,
Knöchel verstauchen und dicke Blasen an den Füßen bringen höllische Schmerzen. Nicht
auszudenken.
So gewarnt
machte er sich auf zu einem speziellen Laufschuh-Laden. Die Adresse hatte er
gegoogelt. Auf einem Laufband musste er sich abmühen und in irgendeinem Gerät wurden
seine Quadratlatschen fotografiert. Das Paar, das dann als geeignet für ihn
übrig blieb, war ihm auf Anhieb unsympathisch. Und er wusste, er würde es sehr
lange im Schuhschrank stehen haben müssen, um sich dran zu gewöhnen.
Als
er auch noch eine Puls-Uhr und ein Stirnband sein eigen nennen konnte, hatte er
wirklich alles für die Bewegung parat. Und er war sehr unglücklich.
Eine knappe Woche gönnte er sich noch und
verbrachte sie in schönster Muße auf
der Couch. Aber am Sonntag früh zog er
tapfer seinen Sportdress an - er fühlte sich wie verkleidet darin, gar nicht
wie er selbst - und machte sich auf zu einem nahe gelegenen Park. Dort wollte
er hinlaufen und seine Runden drehen. Nach kurzer Zeit schwitzte er wie Bulle und
japste außer Atem vor sich hin. Kaum im Park angelangt, ließ er sich nach Luft
ringend auf einer Wiese in einen Liegestuhl fallen.
Halbwegs
zu sich gekommen, schaute er auf seine Schuhe und da entdeckte er es: ein
vierblättriges Kleeblatt! Er war zwar nicht sportlich, hatte aber Augen
wie ein Luchs, da konnte ihm keiner das Wasser reichen. Er pflückte das
Kleeblatt und legte es sich vorsichtig auf die Hand. Und ein Glücksgefühl durchströmte
ihn. Er erinnerte sich, wie er als kleiner Bub die Vierer-Kleeblätter gesammelt
und gepresst hatte und dass er ganz besonders begabt darin war, sie zu finden.
Bei
der Suche hatte er in seiner Geheimsprache immer und immer wieder – gebetsmühlenartig,
fast wie in Trance - leise vor sich hin gesagt: „Scharenga, scharenga, scharenga.“ Das war wie ein Sesam Öffne Dich!
Denn es war das magische Wort, woraufhin
die Kleeblätter sich ihm zeigten, es war, als winkten sie ihm aufgeregt zu, als
würden sie laut "Hier, hier“ schreien und sich ihm entgegen drängeln,
damit er sie auch ja fände und nicht übersähe.
Dass ihm
heute wieder so ein Glücksblatt regelrecht vor die Füße gefallen war, schien
ihm ein Zeichen des Himmels zu sein. Ein Zeichen, dass genau diese Strecke, von seiner Haustür bis
zu diesem wunderbaren Liegestuhl, seine Laufstrecke sein würde. Ja, die war
machbar. Die könnte er mit ein wenig Übung schaffen. Erleichtert trottete er
nach einiger Zeit des Ausruhens nach Hause zurück, erleichtert, dass, so war
sein Gefühl, wenigstens der Himmel ein Einsehen hatte und auf seiner Seite war.
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