Sonntag, 18. August 2019

Die Scharenga-Laufstrecke


Valerie
Die Scharenga-Laufstrecke

Kleeblatt – Bewegung – Klärung – Muße – Freunde – Scharenga 

Der Arzt, Dr. Jäger, wusste auch nicht weiter. Da die Tabletten nicht den gewünschten Erfolg gebracht hatten, war Jäger nun auf die abwegige Idee verfallen, ihm Bewegung zu verordnen. Ausgerechnet ihm, der liebend gern - die Füße hoch - mit einem Bier und ein paar Salzstangen vor der Glotze saß. Bewegung sollte es also nun bringen. Jedenfalls bis zu einer weiteren Klärung durch noch anstehende diverse Röntgen- und Blutuntersuchungen.
Hannes machte sich damit bei seinen Freunden zur Lachnummer. Weder seine Skatrunde noch jemanden aus dem Kleingartenverein konnte er als Mitstreiter gewinnen. Stattessen musste er viel bösen Spott auf seine Kosten ertragen. Das tat weh.
Er ging die Sache langsam an, entsprechend seinem Lebensmotto:  Immer mit der Ruhe. Zunächst kaufte er sich ein Jogging-Outfit. Eine Hose und ein blaues Hemd, das laut Auskunft des Verkäufers den Schweiß besonders gut aufnahm. Bioqualität. Und sauteuer. Hannes stöhnte innerlich über diese in seinen Augen vollkommen überflüssige Geldausgabe. Die Klamotten hängte er  zu Hause erst mal in den Schrank. Zum Sich-dran-gewöhnen.
Das wichtigste aber fehlte ihm noch: die Schuhe. Das hatte er irgendwo gelesen, wenn die Schuhe nichts taugten, dann war das mit dem Joggen sogar kontraproduktiv. Was alles passieren konnte: Sehnen reißen, Knöchel verstauchen und dicke Blasen an den Füßen bringen höllische Schmerzen. Nicht auszudenken.
So gewarnt machte er sich auf zu einem speziellen Laufschuh-Laden. Die Adresse hatte er gegoogelt. Auf einem Laufband musste er sich abmühen und in irgendeinem Gerät wurden seine Quadratlatschen fotografiert. Das Paar, das dann als geeignet für ihn übrig blieb, war ihm auf Anhieb unsympathisch. Und er wusste, er würde es sehr lange im Schuhschrank stehen haben müssen, um sich dran zu gewöhnen.
Als er auch noch eine Puls-Uhr und ein Stirnband sein eigen nennen konnte, hatte er wirklich alles für die Bewegung parat. Und er war sehr unglücklich.
Eine  knappe Woche gönnte er sich noch und verbrachte sie in schönster Muße auf der Couch. Aber am Sonntag früh  zog er tapfer seinen Sportdress an - er fühlte sich wie verkleidet darin, gar nicht wie er selbst - und machte sich auf zu einem nahe gelegenen Park. Dort wollte er hinlaufen und seine Runden drehen. Nach kurzer Zeit schwitzte er wie Bulle und japste außer Atem vor sich hin. Kaum im Park angelangt, ließ er sich nach Luft ringend auf einer Wiese in einen Liegestuhl fallen. 
Halbwegs zu sich gekommen, schaute er auf seine Schuhe und da entdeckte er es: ein vierblättriges Kleeblatt! Er war zwar nicht sportlich, hatte aber Augen wie ein Luchs, da konnte ihm keiner das Wasser reichen. Er pflückte das Kleeblatt und legte es sich vorsichtig auf die Hand. Und ein Glücksgefühl durchströmte ihn. Er erinnerte sich, wie er als kleiner Bub die Vierer-Kleeblätter gesammelt und gepresst hatte und dass er ganz besonders begabt darin war, sie zu finden.
Bei der Suche hatte er in seiner Geheimsprache immer und immer wieder – gebetsmühlenartig, fast wie in Trance - leise vor sich hin gesagt: „Scharenga, scharenga, scharenga.“ Das war wie ein Sesam Öffne Dich! Denn es war das  magische Wort, woraufhin die Kleeblätter sich ihm zeigten, es war, als winkten sie ihm aufgeregt zu, als würden sie laut "Hier, hier“ schreien und sich ihm entgegen drängeln, damit er sie auch ja fände und nicht übersähe.
Dass ihm heute wieder so ein Glücksblatt regelrecht vor die Füße gefallen war, schien ihm ein Zeichen des Himmels zu sein. Ein Zeichen,  dass genau diese Strecke, von seiner Haustür bis zu diesem wunderbaren Liegestuhl, seine Laufstrecke sein würde. Ja, die war machbar. Die könnte er mit ein wenig Übung schaffen. Erleichtert trottete er nach einiger Zeit des Ausruhens nach Hause zurück, erleichtert, dass, so war sein Gefühl, wenigstens der Himmel ein Einsehen hatte und auf seiner Seite war.

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