Montag, 25. November 2019

Ein Stück Papier


Ilse
Ein Stück Papier

Papier lädt zum Tun ein. Wie oft hat sie es in ihren Händen gehalten und die unterschiedlichsten Werke mit diesem Material geschaffen. Die ersten Bilder und Zeichnungen entstanden auf Einwickelpapier oder einer aufgeschnittenen Papiertüte. Ein Zeichenblock war damals eine Kostbarkeit.
Die Großmutter zeigte ihr wie ein Portemonnaie gefaltet wird. Gemeinsam entstand Schritt für Schritt aus Zeitungspapier eine Geldbörse. Natürlich musste diese gefüllt werden, mit viel Geld selbstverständlich. Kein Problem für die Oma. Denn sie wusste, wie Geld gemacht wird. Unter dünnes Butterbrotpapier legte sie Münzen vom Pfennig bis zum Fünfmarkstück. Mit dem umgedrehten Bleistift, aus dessen Ende die Bleistiftmine herausschaute, rubbelten sie über die Vorder- und Rückseiten der Münzen. Wie ein Wunder für das Kind erschien ein Abdruck von Pfennigen, dem Groschen und den Markstücken. Das war Zauberei!
Ausgeschnitten, Vorder- und Rückseite zusammengeklebt, füllte das Geld nun das vorher geschaffene Portemonnaie. Unglaublich reich fühlte sich das kleine Mädchen. Gleich morgen könnte sie mit ihrer Schwester Kaufmann spielen.
Zu Seereisen luden die kleinen Schiffe ein. Die gefalteten  Modelle,  Boote und Dampfer, brauchten festes Material, am besten leicht geölt, damit sie heil übers Wasser kamen. Sie tanzten auf den Wellen im Wasserbassin, die die Kinderhände schlugen oder schwammen auf dem Kanal. Wohin sie trieben, hing im Bassin ab, von der Puste der Kinder oder von der Strömung des Wassers.
Gefaltet wurden Sterne und Glöckchen aus Goldfolie für den Tannenbaum, Kästchen für kleine Geschenke und andere Kostbarkeiten, Zaubertüten und Briefumschläge. Papier brauchte sie zum Schreiben und Malen sowie zum Schneiden feiner Deckchen für die Puppenstube und zum Herstellen von Scherenschnitten.
Auf Papier entdeckte sie noch eine andere Welt. Die vielen Bücher in der Stadtteilbücherei, die sie, kaum konnte sie lesen, täglich besuchte. Wie viele Bücher hat sie seitdem verschlungen und verschlingt sie noch heute. Gern liest sie Bücher vor und nimmt kleine und große Menschen mit in eine Welt voller Geschichten.

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