Freitag, 3. April 2020

Corona


Elke
Corona

Sie kam heimlich, schlich sich an und überraschte, so wie es ihre Art war. Sie brauchte keine Dunkelheit und keine Deckung. Sie bewegte sich durch die Öffentlichkeit und wurde nicht bemerkt. Rasend schnell und urplötzlich. Eine diabolische Freude durchzuckte sie, wenn sie auf ein Opfer traf. Ein Opfer, das noch nicht wusste, dass es eins sein würde. Ihr Name war Corona und verbreitete Angst und Panik, wann immer er genannt wurde. Sie war stolz auf ihre Macht, eine Macht, deren auch die Mächtigsten dieser Welt nichts entgegenzusetzen hatten.
Wer waren schon die Trumps, Putins und Erdogans, wie konnte ein Kim Jong ihr widerstehen? Ihr, die so unsichtbar und allgegenwärtig war. Corona belegte die Alten und Geschwächten, die Kranken und Wehrlosen mit einem Todesurteil und verdammte alle - jung wie alt - zur Isolation. Sollten sie sich doch langweilen, aggressiv werden oder in ihren Wohnungen und Häusern verzweifeln. Sollten sie doch untergehen oder im Krankenhaus überleben, ihr war es egal. Sie würde schon für eine Auslese sorgen.
Die Zeit der Entscheidung war überreif, lange prophezeit und lange geleugnet. Sicher, irgendwann würde es weitergehen, Fortschritt, Expansion, die Steigerung von allem, das war Programm - bisher. Jetzt nicht mehr. Corona sorgte für eine komplette Umorientierung, eine Besinnung auf das Wesentliche, auf sich selbst und auf das Überleben. Sie wusste, dass sie eine wichtige Aufgabe hatte. Sie fühlte sich auserwählt und berufen, diese Wandlung zu initiieren. Und sie würde es den armseligen Menschlein schon zeigen und sie in ihre Grenzen verweisen, falls sie es nicht gleich begriffen. Wie viel Überheblichkeit und Ignoranz der Menschen war bisher nötig, um so tief zu sinken?
Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, absolut alles zu verändern. Einige hatten schon begriffen: Eigenschaften und Tätigkeiten, die bisher nicht so geachtet wurden, Berufsgruppen, deren Aufgaben als alltäglich und selbstverständlich angesehen wurden, erfuhren ungeahnte Lobeshymnen. Selbst Politiker erkannten ihren Wert. Mit abendlichem Klatschen von Balkonen und vor Haustüren wurde ihnen gedankt. Welch eine Veränderung! Familienmitglieder redeten wieder miteinander und kommunizierten nicht nur über Smartphone und App-Botschaften. Geschwister spielten miteinander im Zimmer, und selbst über Distanzen fanden sich Fremde, die per Skype Kontakt zu Gesellschaftsspielern suchten. Auch sonst gab es diverse, sehr kreative Vorschläge des Miteinanders in Zeiten der Kontaktsperre und der Distanzen von mindestens anderthalb Metern. Welch ein Wandel - der Beginn einer besseren Welt?

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