Mittwoch, 16. September 2020

 Maren    

Abgrund

Auf einer meiner vielen Wanderungen mit einer Freundin widerfuhr mir Folgendes: unser Wanderführer - Alpenüberquerung, Teil 1- hatte uns gut über einen Pass geleitet. Er wies auf Geröllfelder und Schneebretter hin, mit großem Vertrauen konnten wir uns danach richten. Wir hatten gute Kondition, waren perfekt für Bergwanderungen ausgerüstet, schwindelfrei und wohlgelaunt. Nach einer Strecke über Almen und an kleinen Bächen beschrieb der Wanderführer den weiteren Weg entlang eines lieblichen Bergbaches. Alles stimmte, nur konnten wir seine Lieblichkeit nicht bewundern, da er achtzig Meter unter uns wild dahin schäumte. Die steile Bergwand an der anderen Seite entspannte wenig. Mir wäre eine optische Barriere mit Sträuchern oder kleinem Bewuchs am schmalen Weg lieb gewesen, so hätte ich nicht fortlaufend in den Abgrund sehen müssen. Meine Freundin übernahm die Führung. Sie ging wie immer routiniert und trittfest ihren Weg. Ich versuchte gleichmäßig zu atmen, dabei richtete ich meinen Blick auf ihre Hacken, ich folgte mechanisch.

Der Weg nahm kein Ende, er zog sich, wir funktionierten und gingen und gingen. Irgendwann erreichten wir sicheres Gelände. Meine Knie verloren ihre gewohnte Stabilität, wir ließen uns auf eine Wiese fallen und fühlten uns gerettet. Unserem Wanderführer trauten wir nicht mehr, er hatte uns in eine Lage gebracht, auf die wir nicht vorbereitet gewesen waren und die wir mit dieser Kenntnis nie gegangen wären. Später erfuhren wir in dem Dorf, dass dort beim Abtrieb regelmäßig Vieh abstürzte, und die sollten es eigentlich wissen - die Kühe mit ihrem Gefühl für Balance.                                      

Das Hochgefühl „tüchtig, wie du auch das geschafft hast“ blieb aus. Es stellte sich kein Stolz und keine Zufriedenheit ein, wir hatten nur das Gefühl, einer Gefahr entronnen zu sein. Ich will einfach auf meine Wege achten, bevor ich sie gehe.

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