Mittwoch, 30. Dezember 2020

Die Giraffe und der Garten

Ursula

Unschlüssig steht sie auf dem Balkon. Zu und zu gerne möchte die Giraffe hinunter auf die grüne Wiese, jedoch eine steile Eisentreppe trennt sie und die frische Natur unüberwindlich. Sie grübelt, auf welche Weise sie die schlanken Beine auf die schmalen Stufen setzen soll, ohne das Gleich- oder Übergewicht zu verlieren. Ihr Begleiter, der Mensch neben ihr, sieht ebenfalls ziemlich ratlos aus. Nach längerer Bedenkzeit nimmt sie den Anlauf auf der kleinen Fläche, die zur Verfügung steht und springt mit einem Satz hinunter in die freie Natur. Autsch, das rechte Vorderbein kam verdreht an und schmerzt ein wenig. Egal, jetzt ist die Welt wieder in Ordnung. Die Giraffe spürt die Wiese und das viele weiche Moos unter ihren Füßen und kann nun wieder artgerechte Schritte nach rechts und links wagen.

Auf Augenhöhe blickt sie ihrem Freund, dem Menschen ins Gesicht. Ihr Mund erreicht ohne Bücken oder Strecken die herrlichen Quittenblätter und beginnt davon zu naschen. Die Luft riecht frisch und würzig nach all den Pflanzen, die üppig den Boden bedecken. Die Laute sind ungewohnt, ein leises stetiges Rauschen erreicht ihre Ohren. Sie weiß, sie lebt schon länger in der Großstadt, es ist der Autoverkehr, den sie nicht sieht, aber hört. Ein donnerndes Geräusch lässt sie aufschrecken und nach oben blicken. Ein riesiges Flugzeug verlässt Hamburg und verdunkelt für einen Moment den Himmel. In dem Augenblick überkommt die Giraffe Heimweh. Ach ja, Afrika, wie bist du schön, ich vermisse dich.

 

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