Elke
Richard schlenderte durch die Innenstadt und kam nicht ganz zufällig an der Bleichenbrücke vorbei. Immer mal wieder hatte er in den vergangenen Jahren nach dem grünen Liebesschloss geschaut, dem Erinnerungsschloss von Kornelia.
Die erste Entdeckung vor 40 Jahren hatte ihn in helle Aufregung versetzt. Er war mit Melanie, seiner Frau, in der Hamburger Innenstadt zum Einkaufen gewesen. Glücklicherweise hatten Melanie in dem Moment noch die Einkäufe beschäftigt, so dass sie bei ihrer Rückkehr seine verträumte Stimmung nicht bemerkte.
Richard kam gerne allein an diesen Ort, der die ganze Magie der vergangenen kurzen, aber heftigen Liebe mit Kornelia so konkret in Erinnerung holte.
Das Schloss hing schon lange nicht mehr am Brückengeländer. Erst hatte es stumpfe Flecken bekommen, die den Rost ermöglichten, dann war es von neueren Schlössern verdrängt worden, die darüber angebracht wurden, so dass Richard es jedes Mal zum Betrachten hervorholen musste. Irgendwann war es weg, vermutlich abgefallen und im Fleet versunken.
“Unsere Liebe hat weder Flecken bekommen, noch Rost angesetzt“, dachte Richard. “Und ein neues, flüchtiges Abenteuer hat deinen Platz auch nicht verdrängt.“, sagte er leise in Erinnerung zu seiner Kornelia.
Ob es ihr wohl genauso ging, ob sie beide einander nie vergessen würden? Richard konnte sich ganz diesen Gedanken hingeben, was er auch öfters tat. Besonders gut gelang es auf dieser Brücke am Fleet. Es erinnerte ihn an die Lagune und die Kanäle in Venedig.
Venedig hatte er nie wiedergesehen. Kornelia auch nicht.
Und Melanie war vor zwei Jahren kinderlos gestorben.
Zurück blieb ein 72-jähriger verwitweter Mann mit glühenden Erinnerungen, die ihn am Leben hielten.
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