Montag, 23. September 2013

Maren
Schulbrot

In den späten vierziger Jahren wohnte meine Familie in einem Gartenhaus an der Bille. Mein Vater hatte das Haus aus Trümmersteinen der Süderstrasse gebaut, er holte jeden Morgen mit einer sogenannten ‚Schottschen Karre‘ eine Ladung der Steine. Meine Mutter, meine zwei Brüder und ich mussten dann die Steine mit einer kleinen Hacke oder einem Hammer von Mörtel  befreien.
In unserer Stadtwohnung in Winterhude bewohnten wir zu fünft ein Zimmer bei Großeltern. Das Zusammenleben war eng und von wenig Harmonie geprägt; so waren wir froh, dass wir die Möglichkeit hatten, den  Sommer im Garten zu verbringen. Mein Bruder und ich mussten somit jeden Schultag von Hammerbrook nach Winterhude mit der Straßenbahn fahren.
Der Apfelbaum im Garten lieferte uns das ‚Schulbrot‘. Bevor wir uns morgens auf den Weg machten, gab meine Mutter uns je einen Apfel. Hatten wir eine Brottasche? Ich weiß es nicht mehr genau, vielleicht verstauten wir die Äpfel auch im Tornister. In der Straßenbahn boten uns andere Fahrgäste manchmal Obst aus ihren Gärten an; ich erinnere mich an eine große Tüte Pflaumen. Wir, sechs und sieben Jahre alt, erfuhren in der Straßenbahn eine besondere Aufmerksamkeit. Man achtete auf uns - das hieß auch, dass wir uns nicht, wie viele andere, von außen an die Straßenbahn hängen durften, es sei denn, niemand guckte.
An der Umsteigehaltestelle am Rathausmarkt hatte uns eine Verkäuferin aus dem runden Kiosk ins Herz geschlossen. Während wir auf die Straßenbahn nach Winterhude warteten, schenkte sie uns oft eine Bratwurst, für uns ein kulinarisches Himmelreich! Zu Hause gab es lediglich der Not gehorchend Produkte aus dem Garten ergänzt mit Gaben von Lebensmittelgutscheinen. So war das ‚Schulbrot‘ durch den langen Schulweg immer unterschiedlich, wobei der Apfel aus unserem Garten der Favorit blieb.

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