Sonntag, 22. September 2013

Wendula
Essen in meiner Kindheit 
…vor dem Krieg

Meine Mutter war fantasievoll beim Kochen. Alles, was neu war, wurde ausprobiert. Schon vor dem Krieg gab es zu besonderen Anlässen Artischocken, Paprika und heißgeliebte Maiskolben. Es wurde gegessen, was auf den Tisch kam.
Unsere kleine Familie, Mutter und drei Kinder, trafen sich mittags rund um den Esstisch. Donnerstags kam der Schlachter zum "Vorfragen". Der Sonntagsbraten wurde auf diese Weise bestellt und freitags geliefert. Das war das Wochengerüst. Sonntags Braten warm, montags Braten kalt, dienstags letzte Reste im Gemüse. Mittwochs und donnerstags? Das weiß ich nicht mehr so genau. Freitags natürlich Fisch. Schellfisch gekocht zum Entsetzen meiner Brüder, aber meine Mutter kannte kein Erbarmen, auch nicht bei Steckrüben, Teltower Rübchen oder Buchweizengrütze. Da war Sonnabend schon besser. Eine gehaltvolle Suppe und dann abwechselnd: Arme Ritter, Brotpudding, Pfannkuchen oder Quarkauflauf. Das ging immer ohne Widerstand durch.
Überhaupt: meine Mutter entdeckte beim Milchmann, der mit Pferd und Wagen kam, „Gerties Buttermilchgraupen“ - fertig gekocht in einer dicken Ein-Liter-Glasflasche und Quarkspeise, schon damals gewürzt und gezuckert in kleinen, für meine Begriffe sehr hübschen Glasschälchen. Die wiederum brauchten mein Bruder und ich, um im Garten Unmengen grober Haferflocken von Peter Kölln mit ganz viel Zucker trocken runter zu würgen. Das taten wir, um in den Besitz der Sammelbildchen von Roswitha Bitterlich, die in den Tüten waren, zu kommen. Auf diese Weise  verbrauchten wir mit vier Personen fünf Pfund Zucker in der Woche. 
Reste-Essen spielte eine große Rolle. Pannfisch zum Beispiel oder Bratkartoffeln mit Rotkohl aufgebraten. Nie wurde etwas weggeworfen. Unser Hund Kai bekam immer die restlichen Kartoffeln in der mit Wasser verdünnten übrigen Bratensauce.
Er schien damit ganz zufrieden zu sein.

… nach dem Krieg

Meine Mutter hatte in Wedel einen eisernen Ofen ergattert, den wir beide mit der S-Bahn nach Blankenese transportierten. Ob uns jemand half, ihn die Treppen hochzuwuchten, weiß ich nicht mehr so genau, auf jeden Fall musste eine von uns sich auf den Weg machen, um eine Schottsche Karre von einer Vermietung zu holen, während ich wohl das kostbare Stück bewachte. Der Ofen verbesserte unsere Situation beachtlich, man konnte bei Dunkelheit und Stromsperre vor dem kleinen Marienglasfenster zum Beispiel Kochrezepte aus "Die Stütze der Landfrau" lesen und sich dann vorstellen, wie wohl eine Orangencreme schmecken könnte. Währenddessen trockneten Steckrübenscheiben auf dem Ofen, die dann mit einer sehr speziellen Hefepaste als Schulbrot dienten. Unglaublich große Kohlrabis konnte man fast jederzeit erwerben, leider waren sie so holzig, dass man sie nur "quer-gerieben“ essen konnte. Die Gerstengrütze mit Spelzen, zu der es Rhabarberkompott, das mit ekelhaften, auf dem Schwarzmarkt erworbenen Süßstoff essbar gemacht wurde, ist in meiner Erinnerung fast ungenießbar.
Die Schulspeisung spielte eine große Rolle: Schokoladensuppe, Kekssuppe, Erbsensuppe und Sojasuppe, letztere nicht so sehr beliebt, weil oft obendrauf Maden schwammen. Die Suppen kamen in großen Kübeln und wer austeilen durfte, war gut dran, weil man als Letzter den Rest mit einem Löffel auskratzen konnte. Regelmäßig bekamen wir auch durch dieses Hilfsprogramm der Alliierten die Hälfte einer kleinen roten Cadbury-Schokoladentafel, die dann erst mal gehortet wurde, um sie später in einer Loge im Kino auf einmal aufzuessen.
Dass mein Bruder, der nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft eine Lehre als Maurer machte und mir von seinem ersten Lohn eine kleine Schwarzblech-Dose geraspelte Ananas aus amerikanischen Heeresbeständen auf dem Schwarzmarkt besorgte, ist noch jetzt ein Highlight in den Erinnerungen an "Essen nach dem Krieg".



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