Freitag, 15. November 2013

Ursula
Der Pfannkuchen, meine Lieblingsspeise?

Wir waren Flüchtlinge. Wir waren arm. Mit uns am Tisch saß der Hunger, wir wurden nicht satt.
Meine Familie, Großmutter, Großvater, Vater, Mutter und drei kleine Kinder, lebten von der Arbeit der Eltern, die darin bestand, Holz im Wald zu ernten, es zu den Verbrauchern zu transportieren und gegen Lebensmittel einzutauschen.
Die Familie versuchte, vor allem die Oma, mit Erträgen aus dem Garten die Ernährung aufzubessern.  Ein paar Hühner teilten sich mit uns ein Stückchen Land und schliefen auf dem Scheunenboden. Auch sie waren hungrig. Körner wurden ausschließlich für die Menschen verbraucht und alles, was am Wegrand hätte gepflückt werden können, lockte auch andere Kleintierbesitzer zur Sammelernte. Reste aus der Küche, die Hühner auch mit Vorliebe aufpicken, gab es nicht. So fraß das liebe Federvieh sein eigenes Produkt auf, sobald es in einem dafür vorgesehenen Nest lag. Die Hühner drehten sich einfach um und pickten, bevor Omas schnelle  Hand die Eier für die Familie retten konnte.
Täglich wurde kontrolliert, ob in einem Huhn ein Ei heranreifte. War das der Fall, packte Oma mit geübtem Griff das  liebe Tier und setzte es in einen Korb. Korb und Huhn kamen in die Küche, wo Opa auf dem Stuhl, mit seiner qualmenden Pfeife im Mund und dem Gehstock saß. Seine Aufgabe war, das Ei in dem Moment für uns zu retten, wenn es gelegt war.  Nicht immer klappte das, Opa war schon sehr müde und Oma danach ziemliche böse.
Dennoch, es sammelten sich manchmal ein paar Eier und gab es Pfannkuchen, für jeden nur ein kleines Stück.
Mein schönster Traum in jener Zeit war, für mich allein einen Pfannkuchen zu genießen, goldgelb, knusprig aus vielen Eiern und mit guter Butter.
Heute kann ich Pfannkuchen essen soviel ich will und wann immer ich mag. Er gehört nicht mehr zu meiner Lieblingsspeise. Die Erinnerung an den in jener Zeit unerreichbaren Genuss aber bleibt ewig jung.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen