Mittwoch, 25. Dezember 2013

Dagmar
Heiligabend

Als Kind erschien mir der lange Nachmittag vor der Bescherung am Heiligen Abend viel zu lang. Um die Wartezeit zu verkürzen, verabredete ich mich mit meinen Freunden im Alsterpark zum Spielen.
Unter hohen Bäumen am Hang zur Alster sammelten wir mühevoll Bucheckern in einen Stoffbeutel. Auch Eicheln und Kastanien waren unsere Sammelobjekte. Nach dem Fest würde der zuständige Förster sie gern entgegennehmen, in Futter-krippen auslegen und an das Dammwild verfüttern. Und die Bucheckern, die ich behalten durfte, würde ich gemeinsam mit meinen Schwestern entkernen. Die nussartigen Samen konnte man nach einer kurzen Trockenphase durch eine Getreidemühle treiben. Das hergestellte Mehl, vermischt mit anderen Gewürzen, war eine Grundlage für einen leckeren Kuchen in den Weihnachtstagen.
Laut schwatzend trödelten wir einen schmalen Feldweg entlang. Hinter den Knicks breiteten sich Wiesen und Felder aus über die sich langsam die Abenddämmerung senkte. Unter einer uralten Eiche erblickten wir ein Rudel Rehe.
In uns wuchs die Ungeduld und mit eiligen Schritten näherten wir uns unseren Elternhäusern, welche zur damaligen Zeit viele Kinder, Eltern und Großeltern beherbergten. Durch die Fenster sahen wir schon an einigen Tannenbäumen die Lichter glänzen.
Ich verabschiedete mich von meinen sechs Freunden mit dem Versprechen, dass wir uns am nächsten Vormittag erneut treffen würden. Aufgeregt schlich ich durch den Hintereingang unseres Hauses. Meine Katze kam mir maunzend entgegen, schlängelte sich um meine Beine und verlangte ihre Streicheleinheiten.
Erwartungsvoll begab ich mich in die Küche. Auf dem Ofen stand eine Kanne mit frisch gebrühtem Pfefferminztee, dessen aromatischer Duft sich überall verteilte. Mit braunem Zucker angesüßt trank ich den heißen Tee und spürte die Wärme, die sich in mir ausbreitete.
Dann, endlich, vernahm ich das Klirren eines hellen Glöckchens und versammelte mich mit meinem Schwestern, meinen Großeltern, einer Tante und meiner Mutter in der Weihnachts-stube. Schweigend und andächtig setzten wir uns an den Esstisch und sahen meinem Vater beim Anzünden der Kerzen zu. Der geschmückte Tannenbaum steckte samt Wurzelballen in unserer Kochkiste, die außen mit Packpapier verkleidet war.
Das Strahlen der Kerzen, die hängenden Äpfel und Kekse und die wenigen bunten Tannenbaumkugeln samt Lametta an den Zweigen des Weihnachtsbaums verbreiteten eine wohlige Atmosphäre.
Als Selbstversorger in der Nachkriegszeit tranken wir unseren Apfelsaft und aßen den mit vielen Eiern angereicherten Kartoffelsalat mit Würstchen. Ein Birnenkompott war unser Nachtisch.
Nach dem Abendessen begann für mich die lang ersehnte Zeit der Bescherung. Aus einem der Weihnachtspakete lugte der Fuß einer Puppe hervor. Glücklich packte ich mein neues Spielzeug aus, nahm es in die Arme und wünschte mir heimlich zum nächsten Weihnachtsfest einen Puppenwagen.

Mit jedem Jahr, das ich älter wurde, vermehrte sich die Anzahl der Weihnachtspakete- und Geschenke. Dennoch werde ich die ersten selbst gestrickten Strümpfe, Handschuhe und Pullover unter dem Weihnachtsbaum niemals vergessen.

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