Dagmar
Heiligabend
Als
Kind erschien mir der lange Nachmittag vor der Bescherung am Heiligen Abend
viel zu lang. Um die Wartezeit zu verkürzen, verabredete ich mich mit meinen
Freunden im Alsterpark zum Spielen.
Unter
hohen Bäumen am Hang zur Alster sammelten wir mühevoll Bucheckern in einen
Stoffbeutel. Auch Eicheln und Kastanien waren unsere Sammelobjekte. Nach dem
Fest würde der zuständige Förster sie gern entgegennehmen, in Futter-krippen
auslegen und an das Dammwild verfüttern. Und die Bucheckern, die ich behalten
durfte, würde ich gemeinsam mit meinen Schwestern entkernen. Die nussartigen
Samen konnte man nach einer kurzen Trockenphase durch eine Getreidemühle
treiben. Das hergestellte Mehl, vermischt mit anderen Gewürzen, war eine
Grundlage für einen leckeren Kuchen in den Weihnachtstagen.
Laut
schwatzend trödelten wir einen schmalen Feldweg entlang. Hinter den Knicks
breiteten sich Wiesen und Felder aus über die sich langsam die Abenddämmerung
senkte. Unter einer uralten Eiche erblickten wir ein Rudel Rehe.
In
uns wuchs die Ungeduld und mit eiligen Schritten näherten wir uns unseren
Elternhäusern, welche zur damaligen Zeit viele Kinder, Eltern und Großeltern
beherbergten. Durch die Fenster sahen wir schon an einigen Tannenbäumen die
Lichter glänzen.
Ich
verabschiedete mich von meinen sechs Freunden mit dem Versprechen, dass wir uns
am nächsten Vormittag erneut treffen würden. Aufgeregt schlich ich durch den
Hintereingang unseres Hauses. Meine Katze kam mir maunzend entgegen,
schlängelte sich um meine Beine und verlangte ihre Streicheleinheiten.
Erwartungsvoll
begab ich mich in die Küche. Auf dem Ofen stand eine Kanne mit frisch gebrühtem
Pfefferminztee, dessen aromatischer Duft sich überall verteilte. Mit braunem
Zucker angesüßt trank ich den heißen Tee und spürte die Wärme, die sich in mir
ausbreitete.
Dann,
endlich, vernahm ich das Klirren eines hellen Glöckchens und versammelte mich
mit meinem Schwestern, meinen Großeltern, einer Tante und meiner Mutter in der
Weihnachts-stube. Schweigend und andächtig setzten wir uns an den Esstisch und
sahen meinem Vater beim Anzünden der Kerzen zu. Der geschmückte Tannenbaum
steckte samt Wurzelballen in unserer Kochkiste, die außen mit Packpapier
verkleidet war.
Das
Strahlen der Kerzen, die hängenden Äpfel und Kekse und die wenigen bunten Tannenbaumkugeln
samt Lametta an den Zweigen des Weihnachtsbaums verbreiteten eine wohlige
Atmosphäre.
Als
Selbstversorger in der Nachkriegszeit tranken wir unseren Apfelsaft und aßen
den mit vielen Eiern angereicherten Kartoffelsalat mit Würstchen. Ein
Birnenkompott war unser Nachtisch.
Nach
dem Abendessen begann für mich die lang ersehnte Zeit der Bescherung. Aus einem
der Weihnachtspakete lugte der Fuß einer Puppe hervor. Glücklich packte ich
mein neues Spielzeug aus, nahm es in die Arme und wünschte mir heimlich zum
nächsten Weihnachtsfest einen Puppenwagen.
Mit
jedem Jahr, das ich älter wurde, vermehrte sich die Anzahl der
Weihnachtspakete- und Geschenke. Dennoch werde ich die ersten selbst
gestrickten Strümpfe, Handschuhe und Pullover unter dem Weihnachtsbaum niemals
vergessen.
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