Mittwoch, 25. Dezember 2013

Renate
Kerzenlicht

Schon als Kinder mochten wir die dunkle Jahreszeit nicht. Wir mussten viel zu früh vom Spielen hereinkommen und die Beschäftigungen in der Wohnung mussten erst wieder eingeübt werden.
Manchmal zündete meine Mutter schon im November eine dicke Kerze an, die bis zum Advent reichen musste und daher nur einen Teil der Schummerzeit leuchten durfte.
Gemütlich war es, wenn sie dazu etwas erzählte oder wir mit unseren selbstgemachten Püppchen spielten. So eine einzelne Kerze schürte aber auch die Lust, mit der Flamme herumzuexperimentieren, was natürlich strengstens verboten war. Nur heimlich gelang es, etwas von dem frisch getropften Wachs abzulösen, und dann gab es die lustigsten Figürchen daraus. Das Wachs fühlte sich außerdem wunderbar an.
Ab dem ersten Adventssonntag wurde die alte Kerze durch die erste rote auf dem Adventskranz abgelöst. Der Duft der frischen Tannen wurde eins mit dem Geruch der Kerzen und blieb in der Erinnerung. Wenn die vierte rote Kerze abgebrannt war, schmückte mein Vater – und nur seine Aufgabe war es – den großen Tannenbaum. Er überzog ihn ganz gleichmäßig dicht mit einzelnen Lamettafäden, bis er wie ein Silbergespinst dastand. Zwölf weiße echte Kerzen setzte er sorgfältig in passendem Abstand auf die Äste. Das wunderbare warme Leuchten und das leise Flackern der Flammen waren mir später immer wieder vor Augen.
Wie viel Mühe und Arbeit es meine Eltern gekostet hatte, den Baum und den Kranz, die Kerzen und Lametta aufzutreiben in dieser trostlosen Nachkriegszeit, begriffen wir erst viel später. Heute können wir wählerisch stöbern im Überfluss.

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