Renate
Kerzenlicht
Schon
als Kinder mochten wir die dunkle Jahreszeit nicht. Wir mussten viel zu früh
vom Spielen hereinkommen und die Beschäftigungen in der Wohnung mussten erst
wieder eingeübt werden.
Manchmal
zündete meine Mutter schon im November eine dicke Kerze an, die bis zum Advent
reichen musste und daher nur einen Teil der Schummerzeit leuchten durfte.
Gemütlich
war es, wenn sie dazu etwas erzählte oder wir mit unseren selbstgemachten
Püppchen spielten. So eine einzelne Kerze schürte aber auch die Lust, mit der
Flamme herumzuexperimentieren, was natürlich strengstens verboten war. Nur
heimlich gelang es, etwas von dem frisch getropften Wachs abzulösen, und dann
gab es die lustigsten Figürchen daraus. Das Wachs fühlte sich außerdem
wunderbar an.
Ab
dem ersten Adventssonntag wurde die alte Kerze durch die erste rote auf dem
Adventskranz abgelöst. Der Duft der frischen Tannen wurde eins mit dem Geruch
der Kerzen und blieb in der Erinnerung. Wenn die vierte rote Kerze abgebrannt
war, schmückte mein Vater – und nur seine Aufgabe war es – den großen
Tannenbaum. Er überzog ihn ganz gleichmäßig dicht mit einzelnen Lamettafäden,
bis er wie ein Silbergespinst dastand. Zwölf weiße echte Kerzen setzte er
sorgfältig in passendem Abstand auf die Äste. Das wunderbare warme Leuchten und
das leise Flackern der Flammen waren mir später immer wieder vor Augen.
Wie viel Mühe und Arbeit es meine Eltern gekostet
hatte, den Baum und den Kranz, die Kerzen und Lametta aufzutreiben in dieser
trostlosen Nachkriegszeit, begriffen wir erst viel später. Heute können wir
wählerisch stöbern im Überfluss.
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