Mittwoch, 25. Dezember 2013

Evelyne
Ein Weihnachtsfest im Nachkriegs-Berlin

Das Bild der Heiligen Familie aus Bethlehem fällt mir ein, wenn ich den Zustand unserer Familie am Heiligen Abend 1945 beschreiben möchte. Kälte, Armut, ein dürftiges Zuhause und Mangel an allen irdischen Gütern.
Dennoch, wir waren durch alle Schrecknisse des Krieges heil davon gekommen. Wir waren wieder beieinander. Der Vater hatte, nach vielen Umwegen, im Spätherbst wieder zu seiner Familie heimgefunden. Wir fühlten uns geborgen. Der Ofen konnte beheizt werden und einen Tannenbaum gab es auch.
Er fiel zwar etwas mickrig aus und Schmuck, um ihn zu verschönern, gab es nicht.
Doch es gab weiße Kerzen auf Bezugschein für Familien mit Kindern und winzige Halterungen dazu. Nach einem „guten“ Essen saßen wir um den Tannenbaum herum und schauten in die Lichter. Die Kerzen gaben seltsame knisternde, knackende Geräusche ab und blakten fürchterlich. Noch bevor die Kerzen heruntergebrannt waren, waren wir verrußt und sahen wie Räuchermännchen aus. Doch was spielte das für eine Rolle. Es war wieder Weihnachten geworden und der Friede und die Zuversicht auf bessere Zeiten trösteten uns.

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