Samstag, 4. Januar 2014

Maren
Das alte Tor

Karl konnte mir nicht helfen. Er sollte eigentlich den Schlüssel verwahren. Der Schlüssel war handgeschmiedet und, er behauptete es stets, über hundert Jahre alt. Karl war verzweifelt und ratlos, kein Dietrich oder anderes Handwerkzeug konnte die Funktion des Schlüssels ersetzen um das alte Tor zu öffnen. Ich musste unbedingt in das Gebäude gelangen, die Zeit drängte. Wir hörten plötzlich ein knarrendes Geräusch. Das alte Holz-tor begann sich langsam zu öffnen, in dem immer breiter werdenden Spalt erblickten wir Luise, sie lachte verschmitzt und sagte: „Na, denn kommt man rein!“
Mit großer Selbstverständlichkeit erklärte sie, dass sie den Schlüssel heute Morgen vom Schlüsselbrett genommen hätte, der Hof war bereits gefegt, das Tor hätte sie dann natürlich, wie vorgeschrieben, wieder fest ver-schlossen, man weiß ja nie. Wir sahen es Luise nach, trotz ihres hohen Alters war sie eine große Hilfe bei der Verwaltung des alten Weingutes. Nur die Sache mit ihrer Eigenwilligkeit, das brachte selbst Leute mit großer Langmut zur Verzweiflung. Wir hatten noch zwei Stunden Zeit, den mit alten Steinen gepflasterten Hof zu dekorieren und die Weinverkostung vor-zubereiten. Zur Eröffnung der Veranstaltung öffneten wir das Hoftor und sicherten die Flügel des Tores mit Holzkeilen, die wir in das Kopfstein-pflaster des Hofes festklemmten.
Durch das alte Tor strömten bald die Besucher, sie betraten eine Welt, die einer Wanderung durch die Zeiten glich. Vor weinumrankten Mauern standen Weinpressen, Kiepen und Leiterwagen, auf alten Fässern luden Gläser und Weinflaschen zum probieren ein, es wurde ein gelungenes Fest, Luise eilte wieselflink, bediente Gäste und sorgte für Käse und Brot. Nachdem wir abends gemeinsam das alte Tor geschlossen hatten, griff sich Karl den Schlüssel, lies ihn in seine Tasche gleiten und erklärte unmissverständlich: „Der Hüter des Schlüssels möchte in Zukunft immer gefragt werden, wenn das alte Tor geöffnet werden soll!“
So ist es dann gewesen.

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