Maren
Das alte Tor
Karl
konnte mir nicht helfen. Er sollte eigentlich den Schlüssel verwahren. Der
Schlüssel war handgeschmiedet und, er behauptete es stets, über hundert Jahre
alt. Karl war verzweifelt und ratlos, kein Dietrich oder anderes Handwerkzeug
konnte die Funktion des Schlüssels ersetzen um das alte Tor zu öffnen. Ich
musste unbedingt in das Gebäude gelangen, die Zeit drängte. Wir hörten
plötzlich ein knarrendes Geräusch. Das alte Holz-tor begann sich langsam zu
öffnen, in dem immer breiter werdenden Spalt erblickten wir Luise, sie lachte
verschmitzt und sagte: „Na, denn kommt man rein!“
Mit
großer Selbstverständlichkeit erklärte sie, dass sie den Schlüssel heute Morgen
vom Schlüsselbrett genommen hätte, der Hof war bereits gefegt, das Tor hätte sie
dann natürlich, wie vorgeschrieben, wieder fest ver-schlossen, man weiß ja nie.
Wir sahen es Luise nach, trotz ihres hohen Alters war sie eine große Hilfe bei
der Verwaltung des alten Weingutes. Nur die Sache mit ihrer Eigenwilligkeit,
das brachte selbst Leute mit großer Langmut zur Verzweiflung. Wir hatten noch
zwei Stunden Zeit, den mit alten Steinen gepflasterten Hof zu dekorieren und
die Weinverkostung vor-zubereiten. Zur
Eröffnung der Veranstaltung öffneten wir das Hoftor und sicherten die Flügel
des Tores mit Holzkeilen, die wir in das Kopfstein-pflaster des Hofes
festklemmten.
Durch
das alte Tor strömten bald die Besucher, sie betraten eine Welt, die einer
Wanderung durch die Zeiten glich. Vor weinumrankten Mauern standen Weinpressen,
Kiepen und Leiterwagen, auf alten Fässern luden Gläser und Weinflaschen zum
probieren ein, es wurde ein gelungenes Fest, Luise eilte wieselflink, bediente
Gäste und sorgte für Käse und Brot. Nachdem wir abends gemeinsam das alte Tor
geschlossen hatten, griff sich Karl den Schlüssel, lies ihn in seine Tasche
gleiten und erklärte unmissverständlich: „Der Hüter des Schlüssels möchte in
Zukunft immer gefragt werden, wenn das alte Tor geöffnet werden soll!“
So
ist es dann gewesen.
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