Dienstag, 7. Januar 2014

Wendula
Das Tor

Noch stehe ich davor, abweisend aber gleichzeitig instabil wirkt das 
Tor. Es weckt meine Neugier. Ich bin allein - kein starker Mann wirft 
sich mir zur Liebe gegen das marode Tor. Meine Neugier ist kaum zu bremsen. Überraschenderweise gibt es schon beim ersten Versuch nach und knirschend öffnet sich ein Flügel.
Grün, grün, grün ist der erste Eindruck. Ein kleiner Trampelpfad verliert sich zwischen überwucherten Bäumen, dichten Gebüschen und bleichen Gräsern. Kaninchen huschen hin und her, aufgeregte Elstern käckern in den kahlen Baumspitzen. Ich scheine zu stören, aber meine Neugier treibt mich weiter. Eine bemooste Steinbank lädt kaum noch zum Sitzen ein. Mit einem Stück Holz versuche ich mir einen Platz freizukratzen. Die Sonne kommt hinter den Wolken hervor und ich beschließe, mich erstmal hinzusetzen. Mein Blick wandert umher, ein schütterer Rosenstrauch bewegt sich leise im Wind, seine vereinzelten roten Blüten scheinen zu tanzen. Ich entdecke gleich neben dem Strauch einen kleinen, von farbigen Flechten bedeckten Putto. In seinen verschränkten Armen liegen ein paar schon leicht bräunliche Rosenblätter.
Ein schönes Bild der Vergänglichkeit. Ganz still bleibe ich sitzen, lass meinen Gedanken freien Lauf, versuche mir vorzustellen, wer hier wohl gelebt hat und warum alles so verlassen ist. Schade, der 
kleine Putto scheint nicht bereit zu sein, mir darüber Auskunft zu 
geben. Sein flechtenbuntes, kleines Steingesicht wirkt mürrisch und 
verschlossen. Auf meine Frage gibt es keine Antwort.
Ich akzeptiere die Atmosphäre dieses verwunschenen Ortes und mache mir meine eigenen Gedanken - vielleicht wird es eine spannende Geschichte.

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