Freitag, 14. März 2014

Erinnerungen an meinen ersten Schultag 1947


Dagmar
Erinnerungen an meinen ersten Schultag 1947

„Kommst du mit?“, fragte ich meine Mutter am Vorabend meiner Einschulung.
„Nein, ich habe Frühdienst, aber Papa wird dich begleiten“, antwortete sie und gab mir noch einige wichtige Anweisungen für meinen großen Tag.
Ich hatte mich daran gewöhnt, dass immer nur ein Elternteil tagsüber im Hause war. Meine Eltern waren in den Aufbaujahren nach dem Krieg in den Fernmeldeämtern im Wechsel im Schichtdienst tätig.
Am nächsten Morgen schlüpfte ich in ein gelbes Kleid mit Puffärmeln; am Rocksaum befand sich eine hellblaue gemusterte Borte. Es war mein Lieblingskleid. Amerikanische Verwandte hatten es meiner Familie neben vielen anderen Kleidungsstücken, Schuhen und herrlichen Süßigkeiten in einem Carepaket geschickt.
Schnell zog ich mir die weißen Kniestrümpfe an und rutschte in die schwarzen Lackschuhe. Dann schnallte mir mein Vater den Ranzen um die Schultern, den meine Schwester schon getragen hatte. Zur Schulausrüstung gehörte eine lederne Brottasche; sie war ebenfalls nicht neu. Das war mir einerlei. Vielmehr interessierte mich die bunte Schultüte, die mein Vater während des kurzen Schulwegs im Arm trug.
Wir versammelten uns vor einem mehrgeschossigen Gebäude, das ich aus den Erzählungen meiner Schwestern als Kriegslazarett in Erinnerung hatte. Alle Erstklässler wurden namentlich aufgerufen und dem Lehrpersonal zugeteilt. Ich marschierte mit 53 schwatzenden Jungen und Mädchen, von denen ich einige vom Ansehen kannte, in einen großen hohen Klassenraum. Ein Geruch von Bohnerwachs und Reinigungsmitteln empfing uns. Gemeinsam mit meinem Freund und Nachbarn wählten wir eine kleine Sitzbank mit Tisch im hinteren Bereich. Ein wenig beklommen sah ich mir meine neue Umgebung an. Dann gingen meine Gedanken auf die Reise und mein Blick glitt durch die hohe Fensterfront über den Schulhof in den nahen Schulwald.
Eine ältere, streng wirkende Dame mit graumeliertem Haar, das am hinteren Teil ihres Kopfes als kunstvolles Gesteck drapiert war, stellte sich als unsere zukünftige Lehrerin, Fräulein Wist, vor. Sie erklärte uns langatmig, wie unser Schulalltag für die kommenden Monate ablaufen würde. Viele Verhaltensregeln prasselten auf uns herab und ich sorgte mich, ob ich das alles behalten konnte. Dann, als wäre es noch nicht genug, kontrollierte sie den Inhalt unserer Schulranzen. Bei einigen Kindern bemängelte sie, dass die Fingernägel schmutzig waren. Nachdem sie uns mitgeteilt hatte, zu welcher Zeit wir an der täglichen Schulspeisung teilhaben konnten, erinnerte sie auch daran, dass wir das passende Kochgeschirr auf keinen Fall vergessen sollten. Dann endlich beendete Fräulein Wist unseren ersten Schultag. Erleichtert und eilig verließ ich das kalt wirkende, hohe Klassenzimmer und suchte unter den wartenden Eltern meinen Vater. Er drückte mir meine lang ersehnte Schultüte in die Hand, die ich dann genüsslich durchforstete.
Im Laufe des Schuljahres verstand ich, nach und nach, dass die unbeschwerte Spielzeit am Vormittag unwiederbringlich entschwunden war.

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