Dagmar
Erinnerungen
an meinen ersten Schultag 1947
„Kommst du mit?“, fragte ich meine
Mutter am Vorabend meiner Einschulung.
„Nein, ich habe Frühdienst, aber Papa
wird dich begleiten“, antwortete sie und gab mir noch einige wichtige
Anweisungen für meinen großen Tag.
Ich hatte mich daran gewöhnt, dass immer
nur ein Elternteil tagsüber im Hause war. Meine Eltern waren in den Aufbaujahren
nach dem Krieg in den Fernmeldeämtern im Wechsel im Schichtdienst tätig.
Am nächsten Morgen schlüpfte ich in ein
gelbes Kleid mit Puffärmeln; am Rocksaum befand sich eine hellblaue gemusterte
Borte. Es war mein Lieblingskleid. Amerikanische Verwandte hatten es meiner
Familie neben vielen anderen Kleidungsstücken, Schuhen und herrlichen
Süßigkeiten in einem Carepaket geschickt.
Schnell zog ich mir die weißen
Kniestrümpfe an und rutschte in die schwarzen Lackschuhe. Dann schnallte mir
mein Vater den Ranzen um die Schultern, den meine Schwester schon getragen
hatte. Zur Schulausrüstung gehörte eine lederne Brottasche; sie war ebenfalls
nicht neu. Das war mir einerlei. Vielmehr interessierte mich die bunte
Schultüte, die mein Vater während des kurzen Schulwegs im Arm trug.
Wir versammelten uns vor einem
mehrgeschossigen Gebäude, das ich aus den Erzählungen meiner Schwestern als
Kriegslazarett in Erinnerung hatte. Alle Erstklässler wurden namentlich
aufgerufen und dem Lehrpersonal zugeteilt. Ich marschierte mit 53 schwatzenden
Jungen und Mädchen, von denen ich einige vom Ansehen kannte, in einen großen
hohen Klassenraum. Ein Geruch von Bohnerwachs und Reinigungsmitteln empfing
uns. Gemeinsam mit meinem Freund und Nachbarn wählten wir eine kleine Sitzbank
mit Tisch im hinteren Bereich. Ein wenig beklommen sah ich mir meine neue
Umgebung an. Dann gingen meine Gedanken auf die Reise und mein Blick glitt
durch die hohe Fensterfront über den Schulhof in den nahen Schulwald.
Eine ältere, streng wirkende Dame mit
graumeliertem Haar, das am hinteren Teil ihres Kopfes als kunstvolles Gesteck
drapiert war, stellte sich als unsere zukünftige Lehrerin, Fräulein Wist, vor.
Sie erklärte uns langatmig, wie unser Schulalltag für die kommenden Monate
ablaufen würde. Viele Verhaltensregeln prasselten auf uns herab und ich sorgte
mich, ob ich das alles behalten konnte. Dann, als wäre es noch nicht genug,
kontrollierte sie den Inhalt unserer Schulranzen. Bei einigen Kindern
bemängelte sie, dass die Fingernägel schmutzig waren. Nachdem sie uns
mitgeteilt hatte, zu welcher Zeit wir an der täglichen Schulspeisung teilhaben
konnten, erinnerte sie auch daran, dass wir das passende Kochgeschirr auf
keinen Fall vergessen sollten. Dann endlich beendete Fräulein Wist unseren
ersten Schultag. Erleichtert und eilig verließ ich das kalt wirkende, hohe
Klassenzimmer und suchte unter den wartenden Eltern meinen Vater. Er drückte
mir meine lang ersehnte Schultüte in die Hand, die ich dann genüsslich
durchforstete.
Im Laufe des Schuljahres verstand ich,
nach und nach, dass die unbeschwerte Spielzeit am Vormittag unwiederbringlich
entschwunden war.
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