Samstag, 21. März 2015

Variationen über ein Museumsstück



Wolfgang
Der Schulranzen

Das Leder dieses Schulranzens ist, so hat die alte Dame, die ihn ins Museum gebracht hat, erzählt, ungefähr 100 Jahre alt. Es hat als ein Paar Offiziersstiefel am ersten Weltkrieg teilgenommen. Nach dem Krieg, 1920 ging eine Mutter in Ostpreußen mit diesen Stiefeln zu einem Sattler und beauftragte ihn, aus den Stiefeln, einen Schulranzen zu fertigen.
Mit moderne Begriffen könnte man sagen: Ein schönes Beispiel für „Rüstungskonversion“, die Umwandlung von Kriegsgütern zu friedlichen Waren, Schwerter zu Pflugscharen.
Mit diesem Ranzen gingen ihre beiden Töchter viele Jahre dort zur Schule.
Im Januar 1945 besetzte die Rote Armee Ostpreußen und die Familie musste unter dramatischen Umständen die Heimat verlassen. Der Ranzen kam mit.
Der Vater war Soldat in Königsberg und sie gelangten bis zum Hafen von Pillau auf der Nehrung, von dort ging es weiter mit einem  Frachtschiff, Gotland oder Göttingen, über die Ostsee nach Westen. Die Wilhelm-Gustloff, der frühere KdF-Urlaubsdampfer fuhr an ihnen vorbei. (Die Erwachsenen sagten: „Kuck mal, da sind die Bonzen drauf.“) Dieses Schiff wurde durch ein sowjetisches U-Boot am 30.Januar 1945 versenkt. Dabei starben mehr als 9000 Menschen.
Das Schiff auf dem die Familie mitfuhr befand sich in der Nähe des Unglücksortes und ankerte dort um Schiffbrüchige von der Gustloff zu retten. Ein alter Matrose kam hinunter zu ihnen in den Laderaum und erzählte, dass sie die Rettungsboote heruntergelassen hatten und dem Unglück nur knapp entgangen waren. Sie landeten dann in Swinemünde. Dort stiegen sie in einen Zug, der weiter nach Güstrow fuhr.  

Der schwarze Ranzen war immer dabei.

In Güstrow in der Nähe von Rostock, fanden sie eine Unterkunft bei einer Familie, die aus Hamburg stammte in einem feinen Haus im „Herrenzimmer“. Hier durften sie erst einmal ein Bad nehmen.
Hier hatten sie eine gute Zeit bis die Russen kamen.

Der alte schwarze Schulranzen reiste mit und tat auch zunächst in Rostock dann in Schwerin, später in Hamburg weiter seinen Dienst.
Die Tragriemen wurden irgendwann entfernt, es blieb eine kleine schwarze Aktentasche.
Die Löcher für die Nähte am Rand wurden durch wiederholtes „Nach-Nähen“ beim Sattler so groß, die Ränder so brüchig, dass eine neue Reparatur nicht mehr möglich war. So fand der alte Schulranzen in den 80er Jahren den Weg ins Museum und kann uns Geschichten aus guten und aus schweren Zeiten erzählen.


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