Wolfgang
Der Schulranzen
Das
Leder dieses Schulranzens ist, so hat die alte Dame, die ihn ins Museum
gebracht hat, erzählt, ungefähr 100 Jahre alt. Es hat als ein Paar
Offiziersstiefel am ersten Weltkrieg teilgenommen. Nach dem Krieg, 1920 ging
eine Mutter in Ostpreußen mit diesen Stiefeln zu einem Sattler und beauftragte
ihn, aus den Stiefeln, einen Schulranzen zu fertigen.
Mit
moderne Begriffen könnte man sagen: Ein schönes Beispiel für
„Rüstungskonversion“, die Umwandlung von Kriegsgütern zu friedlichen Waren,
Schwerter zu Pflugscharen.
Mit
diesem Ranzen gingen ihre beiden Töchter viele Jahre dort zur Schule.
Im
Januar 1945 besetzte die Rote Armee Ostpreußen und die Familie musste unter
dramatischen Umständen die Heimat verlassen. Der Ranzen kam mit.
Der
Vater war Soldat in Königsberg und sie gelangten bis zum Hafen von Pillau auf
der Nehrung, von dort ging es weiter mit einem
Frachtschiff, Gotland oder Göttingen, über die Ostsee nach Westen. Die
Wilhelm-Gustloff, der frühere KdF-Urlaubsdampfer fuhr an ihnen vorbei. (Die
Erwachsenen sagten: „Kuck mal, da sind die Bonzen drauf.“) Dieses Schiff wurde
durch ein sowjetisches U-Boot am 30.Januar 1945 versenkt. Dabei starben mehr
als 9000 Menschen.
Das
Schiff auf dem die Familie mitfuhr befand sich in der Nähe des Unglücksortes
und ankerte dort um Schiffbrüchige von der Gustloff zu retten. Ein alter
Matrose kam hinunter zu ihnen in den Laderaum und erzählte, dass sie die
Rettungsboote heruntergelassen hatten und dem Unglück nur knapp entgangen
waren. Sie landeten dann in Swinemünde. Dort stiegen sie in einen Zug, der
weiter nach Güstrow fuhr.
Der
schwarze Ranzen war immer dabei.
In
Güstrow in der Nähe von Rostock, fanden sie eine Unterkunft bei einer Familie,
die aus Hamburg stammte in einem feinen Haus im „Herrenzimmer“. Hier durften
sie erst einmal ein Bad nehmen.
Hier
hatten sie eine gute Zeit bis die Russen kamen.
Der
alte schwarze Schulranzen reiste mit
und tat auch zunächst in Rostock dann in Schwerin, später in Hamburg weiter
seinen Dienst.
Die
Tragriemen wurden irgendwann entfernt, es blieb eine kleine schwarze
Aktentasche.
Die
Löcher für die Nähte am Rand wurden durch wiederholtes „Nach-Nähen“ beim
Sattler so groß, die Ränder so brüchig, dass eine neue Reparatur nicht mehr
möglich war. So fand der alte Schulranzen in den 80er Jahren den Weg ins Museum
und kann uns Geschichten aus guten und aus schweren Zeiten erzählen.
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