Brigitte
Die Schultasche
Sie
hat die Größe einer College-Mappe. Das Leder ist ungewöhnlich dick. Zerkratzt,
rau, nur an wenigen Stellen ist die Oberfläche unversehrt glatt und schwarz schimmernd.
Die
seitlichen Nähte sind aufgerissen und die Frühstücksdose würde unten
hinausrutschen.
Wie
alt mag diese Tasche sein? So alt, dass sie mich jetzt an ein Foto meiner
Mutter erinnert: Tag der Einschulung 1937.
Ein kleines Mädchen mit langen, geflochtenen Zöpfen trägt im rechten Arm eine Schultüte.
Das Format der Tüte ist handlich. Das Kind wird sie mühelos durch den ersten
Schultag tragen. Die Schulterriemen des schmalen Ranzens glänzen.
Ernst
schaut das Kind auf den Fotografen. Als ob es eine Ahnung davon hat, was alle Kinder jetzt erwartet: die
Erziehung im Dienste des Aufmarsches zum Krieg.
Der
erste Schultag ist kein Freudentag, sagt der Blick des Kindes.
Der
Ranzen wird Tafel, Griffel und Schwammdose, später Hefte und Bücher mit den
neuen, „völkischen“ Lehrinhalten transportieren. Das Mädchen wird ihn pfleglich
behandeln, ein paar Male sogar fetten und polieren.
Ob
es ihn 1940 mitgenommen hat, als Hamburger Kinder im Rahmen der „Erweiterten
Kinderlandverschickung“ die Stadt verließen? Ob er die dann 10jährige begleitet
hat nach Zarrentin, nach Bad Nauheim, nach Lößnitz im Erzgebirge und nach Plan im
besetzten Tschechien? Konnte er als vertrauter Begleiter ein bisschen Trost und
Heimatgefühl geben, wenn sie wochen- und monatelang der zerrissenen Familie
entfernt und entfremdet im Lagerbetrieb lebte?
Oder
blieb er in Hamburg zurück, wurde während eines Bombenangriffs unter Trümmern
begraben und später, nach dem Krieg, als überaus nützlich aus dem Schutt
geborgen?
Ja,
so war es! Nur so ist die zerschundene Oberfläche zu erklären, die Narben und
Risse.
Moment
mal. Diese Tasche ist nicht der Ranzen meine Mutter. Ich schreibe meine
Assoziationen zu einem Museumsexponat auf. Es geht hier um eine Schultasche,
die heute im Eidelstedter Heimatmuseum liegt.
Diese
Tasche wäre spätestens in den 60er
Jahren aus dem Besitz meiner Mutter verschwunden und hätte nie ihren Weg ins
Museum finden können.
Wie
also kam sie ins Museum?
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