Dienstag, 24. März 2015

Variationen über ein Museumsstück



Brigitte
Die Schultasche

Sie hat die Größe einer College-Mappe. Das Leder ist ungewöhnlich dick. Zerkratzt, rau, nur an wenigen Stellen ist die Oberfläche unversehrt glatt und schwarz schimmernd.
Die seitlichen Nähte sind aufgerissen und die Frühstücksdose würde unten hinausrutschen.

Wie alt mag diese Tasche sein? So alt, dass sie mich jetzt an ein Foto meiner Mutter erinnert:  Tag der Einschulung 1937. Ein kleines Mädchen mit langen, geflochtenen Zöpfen trägt im rechten Arm eine Schultüte. Das Format der Tüte ist handlich. Das Kind wird sie mühelos durch den ersten Schultag tragen. Die Schulterriemen des schmalen Ranzens glänzen.
Ernst schaut das Kind auf den Fotografen. Als ob es eine Ahnung  davon hat, was alle Kinder jetzt erwartet: die Erziehung im Dienste des Aufmarsches zum Krieg.
Der erste Schultag ist kein Freudentag, sagt der Blick des Kindes.
Der Ranzen wird Tafel, Griffel und Schwammdose, später Hefte und Bücher mit den neuen, „völkischen“ Lehrinhalten transportieren. Das Mädchen wird ihn pfleglich behandeln, ein paar Male sogar fetten und polieren.
Ob es ihn 1940 mitgenommen hat, als Hamburger Kinder im Rahmen der „Erweiterten Kinderlandverschickung“ die Stadt verließen? Ob er die dann 10jährige begleitet hat nach Zarrentin, nach Bad Nauheim, nach Lößnitz im Erzgebirge und nach Plan im besetzten Tschechien? Konnte er als vertrauter Begleiter ein bisschen Trost und Heimatgefühl geben, wenn sie wochen- und monatelang der zerrissenen Familie entfernt und entfremdet im Lagerbetrieb lebte?

Oder blieb er in Hamburg zurück, wurde während eines Bombenangriffs unter Trümmern begraben und später, nach dem Krieg, als überaus nützlich aus dem Schutt geborgen?
Ja, so war es! Nur so ist die zerschundene Oberfläche zu erklären, die Narben und Risse.

Moment mal. Diese Tasche ist nicht der Ranzen meine Mutter. Ich schreibe meine Assoziationen zu einem Museumsexponat auf. Es geht hier um eine Schultasche, die heute im Eidelstedter Heimatmuseum liegt.

Nein, die hätte meine Mutter schon längst entsorgt. Nach Krieg und Nachkriegszeit, nach den Jahren der geflickten, zusammengestückelten Kleidung, der zu kleinen, abgelaufenen Schuhe, der gesprungenen Schüsseln und der defekten Wasserhähne, nach den Jahren des Lebens im Behelfsmodus war Neues angesagt. Nichts sollte mehr an die Jahre des Mangels und an die Jahre der Verblendung, der Angst, der Beschämung und an den verlorenen Respekt vor der Elterngeneration  erinnern.
Diese  Tasche wäre spätestens in den 60er Jahren aus dem Besitz meiner Mutter verschwunden und hätte nie ihren Weg ins Museum finden können.
Wie also kam sie ins Museum?

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