Sonntag, 10. Mai 2015

Schreibnacht im Museum



Ditte

Ich trete in das Museum ein und es ist als käme ich nach Hause.
Das kenne ich doch alles!
Das meiste, was ich an Möbeln und Haushaltsgegenständen sehe, ist mir aus der Kindheit vertraut. Der Ausguss in der Küche wurde bei meiner Oma „Handstein“ genannt. Auch den Herd erkenne ich wieder. Von dem wurde die ganze Wohnung beheizt. Im Winter wurde auch darauf gekocht, ansonsten auf einem Gasherd.
Der Herd  war das Schmuckstück der Küche. Der Messinghandlauf wurde jeden Tag nach dem Mittagessen auf Hochglanz poliert.  Die „Kaffeelotte“ stand tagsüber auf dem Herd und hielt den Kaffee warm. Natürlich gab es nur „Muckefuck“, das war Malzkaffee entweder Lindes - eine blaue Packung mit weißen Punkten - oder Kathreiner - diese Packung war rot mit dem Portrait eines alten Mannes darauf.

 Über dem Herd war eine hölzerne Wäschespinne angebracht. Darauf wurden die Geschirrtücher und Putzlappen getrocknet. Danach verschwanden sie unter dem Paradehandtuch an einer Hakenleiste.
Dieses Paradehandtuch war eine aufwendige Kreuzstichstickerei in Blau und Rot mit einer weißen, gehäkelten Borte. Darauf gestickt war der Spruch: Eigener Herd ist Goldes wert.
Während der Bombardierung sollen in der kleinen Wohnung zeitweilig zwölf Personen gelebt haben, mit Babys und Kleinkindern. Wer in der weiteren Familie ausgebombt war, kam gern zu meinen Großeltern, denn mein Opa war bei der Post und brachte unter seinem weiten Postmantel oft Kohlen mit, so dass die Wohnung warm war.
In der Küche war eine Chaiselongue, davor ein Esstisch. Der fungierte auch als Spültisch. Man konnte ein Gestell hervorziehen, in dem zwei weiße Emailleschüsseln mit blauem Rand verborgen waren. Nach getaner Arbeit wurde der Tisch wieder zusammengeschoben und ein Tischtuch aufgelegt.
Vor dem Tisch stand ein Küchenstuhl. Auf dem saß immer meine Oma. Wir Kinder tobten auf der Chaiselongue (bei Oma durfte man das!) oder spielten am Tisch mit Plastiktierfiguren, die es beim Kauf von Margarine zugab. Nach einem bekannten Schlager texteten wir um: „Ei, ei, ei Sanella, Sanella rutscht vom Tella, und wenn Sanella rutschen tut, dann kommt sie in den Kella.“
Und wir sangen viel. „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ und „Mariechen saß weinend im Garten“ sang Oma und wir Kinder „Mein Vater war ein Wandersmann“ und „Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen…“. Ein Radio gab es in der Küche nicht.
Nachmittags gab es bei meiner Oma immer ein halbes Brötchen mit einem Kemm´schen Kuchen. Dazu natürlich Muckefuck. Kuchen wurde nur für sonntags gebacken.
Ich war immer gern bei meinen Großeltern. Mein Onkel, der nur fünf Jahre älter ist als ich, und mein Cousin, vier Jahre jünger, waren Spielkameraden, die gut zu mir passten. Es gab nie Streit zwischen uns. Ich genoss die ruhige und entspannte Atmosphäre.

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