Ilse
Uhren
faszinierten mich schon als kleines Kind. Das Märchen von den sieben Geißlein
zog mich in seinen Bann. Nachbarn hatten eine hohe Standuhr im Flur ihrer Wohnung
stehen. Lebhaft stellte ich mir vor, wie sich die Geißlein dort vor dem bösen
Wolf versteckten. Heute übersteigt diese Idee meine Vorstellungskraft.
Wir
lebten mit den Möbeln meiner Großmutter und mit ihren Uhren. Passend in Holz zu
dem Büffet stand darauf im Wohnzimmer eine Tischuhr. Sie hatte eine Form wie
der Hut von Napoleon. Mit Bimbam schlug sie zur halben und zur vollen Stunde.
An der Wand wiesen die Zeiger auf dem Zifferblatt des Regulators aus, was die
Stunde auf eine Klangspirale schlagen sollte. In der Küche hing an der Wand
eine Uhr mit einem Zifferblatt aus Steingut. Der Farbton wie der
elfenbeinfarben bemalte Küchenschrank. Mein Vater wartete die Uhren. Jedes Wochenende ging er von einer zur
anderen und zog mit dem passenden Schlüssel das Uhrwerk auf.
Langsam
ging das riesige Pendel in der Standuhr von einer Seite zur anderen. Es wirkte
auf mich beruhigend. Viel schneller bewegte sich die Pendelscheibe im Regulator
hin und her. Das Ticken der Küchenuhr schallte immer so, als müsse sie sich
beeilen. Dabei liefen bei ihr die Stunden und die Minuten so schnell oder so
langsam wie bei allen anderen Uhren.
Als
ich zur Schule ging, durfte mich ein Wecker aus dem Bett holen. Das glänzend
silberfarbene Metallgehäuse übertrug das Ticken der Uhr auf die kleine Kommode,
wo er seinen Platz hatte. Mit lautem Schrillen weckte er mich zur Aufstehzeit.
Der Klöppel aus Metall schlug schnell und kräftig gegen die große Glocke über
dem Uhrengehäuse. Nur ein Hebel, dagegen geschoben, brachte die Glocke zum
Schweigen.
Etwas
später bekam ich meine erste Armbanduhr. Es war eine kleine Damentaschenuhr,
die in einem Ledergehäuse am Arm getragen wurde. Das weiße emaillierte
Zifferblatt mit den römischen Ziffern und den feinen vergoldeten Zeigern
schaute wie aus einem Bullauge daraus hervor. Eine Großtante hatte sich von
ihrer alten Uhr getrennt. Erst zur Konfirmation sollte ich von ihr meine erste
eigene Armbanduhr bekommen. So trug ich das Erbstück bis sich das alte
Ledergehäuse und das Armband auflösten.
Meine
Cousine erbte die Wanduhr, den Regulator, als meine Großmutter starb. Mein
Traum war es, mir einmal eine Uhr dieser Art kaufen zu können. Als ich 1977
eine Ausstellung mit Antiquitäten besuchte, sah ich einen Regulator, ähnlich
wie ihn meine Großmutter besessen hatte.
Es
dauerte noch ein Weilchen. Dann kauften mein Mann und ich uns eine Wanduhr, die
uns beiden gefiel. Uhren gehören zu unserem Alltag wie in meiner Kinderzeit.
Ihre Faszination haben sie nicht verloren.
Eine
Uhr habe ich mit Eintritt ins Rentenalter beiseitegelegt – meine Armbanduhr.
Kein Zeitdruck soll mich aus der Ruhe bringen.
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