Mittwoch, 4. November 2015

Der Wecker klingelt nicht mehr



Maren

Zeitlebens hat der Wecker mich morgens zur Pflicht gerufen. Schule, Lehrzeit, Beruf, stets hatte ich die Zeit einzuhalten. Es bestand nirgends eine Verhandlungsbasis.  Mein Leben verlief hochdiszipliniert und ohne Verspätungen. Dieser morgendliche Ablauf wurde unterbrochen, als meine neugeborene Tochter eigenmächtig und energisch den Tagesbeginn bestimmte. Der mechanische Wecker hatte Konkurrenz bekommen, die wesentlich unnachgiebiger und lauter war.
Im späteren Berufsleben bekam dann das gute, alte Prinzip des morgendlichen Pieptones um 6:23 Uhr wieder Bedeutung.
Als die Arbeit getan war und ich theoretisch nie mehr aufzustehen brauchte, also bei Rentenbeginn, gab der Wecker kleinlaut bei und verzog sich in eine Schlafzimmerecke. Dieses Verschnupftsein  dauerte nicht lange, bald brauchte ich ihn erneut, denn ich wollte reisen. Ärgerlich bemerkte er den Zweitwecker, den ich wegen des frühen Reisetermins aufgestellt hatte. Er gab an diesem Morgen sein Bestes.
Später erhielt er seinen alten Platz am Bett, brauchte in Ruhe nur die Zeit anzuzeigen, seine Signalfunktion forderte ich nur noch gelegentlich an.
Der Wecker beginnt jetzt, über die Sinnhaftigkeit seines Lebens zu diskutieren. Er trägt sich mit der Überlegung, seinen Dienst einzustellen. Damit wird „Der Wecker klingelt nicht mehr“  konkret und wahr.

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