Montag, 23. November 2015

Schuhleisten



Maren

Schuster bleib bei deinen Leisten. Ein altes Sprichwort wurde durch die wirtschaftliche Not der Nachkriegszeit von meinem Vater außer Kraft gesetzt. Mein Vater, ein Instrumentenbaumeister und guter Handwerker, stellte mit großem Erfolg für seine drei Kinder Schuhe aus Werg und Segelstoff selbst her. Mir ist nicht bekannt, wie er zu dem Leisten, der sich noch heute in meinem Keller befindet, gekommen ist. Jedenfalls begann er an dem Holzmodell die Sohle aus Werg zu formen. Ein streng geflochtener zwei Zentimeter breiter Strang wurde erst kreisrund, dann lang gestreckt der Sohle nachgebildet. Mit Nadel und einem starken Faden durchzog er das Sohlenteil was dem Machwerk den nötigen Halt gab. Auf die Sohle nähte er für den oberen Teil des Schuhs festen Stoff. Der Holzleisten war flexibel. Je nach Fußgröße konnte er verstellt werden. Wir bekamen wunderbare leichte Sommerschuhe, die leider den Herbst nicht überlebten. Feuchtigkeit und Schnee hielten dem Material nicht stand. Die Erinnerung an diese Schuhe stellte sich erst heute Abend im Eidelstedter Museum wieder ein, als ich den Leisten sah. Daran ist auch der Sommer im Garten gekoppelt, wo diese Schuhe entstanden. Ich rieche die Luft, eine warme weiche Brise schleicht sich in meine Seele. Die schöne harmonische Zeit war geprägt von Hunger und Entbehrung. Doch das sind nur noch Worte, die Gefühle liegen bei der Freude im sommerlichen Garten mit meiner Familie, symbolisiert durch die selbst hergestellten Schuhe.

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