Montag, 29. Februar 2016

Das Hören



Renate

In den Erzählungen meiner Eltern tauchte ich oft als schlecht oder gar nicht hörendes Kind auf, das nur hörte, was es wollte.
Am liebsten hatte ich die Stimme meiner Eltern beim Vorlesen. So wuchs die Welt in mir.
Ich entdeckte die vielen laute der Tiere im Zoo, in dem wir oft und lange herumschweiften und ich stundenlang vor den Käfigen hing. Auch die gemaunzten Wünsche unserer Hauskatze verstand ich bald genau.
Ohne Radio und Fernsehen schenkte meine Oma mir einen großen Schatz vorgesungener Kinder- und Volkslieder, heute versunken, aber alle noch hörbar in meinem Kopf. Die Musik hat mich nie verlassen. Mit den Jahren lernte ich die klassische Musik von alt bis modern als große Kostbarkeit schätzen, die über Traurigkeit und schlechte Tage verlässlich hinweghalf.
Zum Ende der Schulzeit begann die Tanzstunde, und diese Musik, berauschend gemischt aus Rhythmus und Melodie, vibrierte durch meinen Körper. Tanzen wurde über meine Ohren zur Leidenschaft, die mich heute in der Erinnerung immer noch vom Stuhl holt.
Seit ein paar Jahren hat mich mein Hören verlassen, und ich lebe wie in einer Wüste. Ich verstehe meine Gesprächspartner oft schwer und meine geliebte Musik ist für immer verloren. So schöpfe ich nur aus der Erinnerung. Immerhin, die ganz hohen Vogelstimmen sind mir geblieben.

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