Samstag, 19. März 2016

Die Bücherbürste im Antiquariat Halkyone



Jutta F.

Schaut her! Seht mich an! Jaa, ich bin eine schöne und kostbare Bücherbürste. Ich bin aus rötlichem geölten Birnbaumholz, mit wollweißem Ziegenhaar und groben Borsten gefertigt. Damit kann ich den Staub von den Büchern nehmen, auch damit sie hin und wieder gut belüftet werden.
Mein Platz ist neben der alten Klingelkasse, an der ich mit zwei mir gleichenden Freunden stehe. Wir warten auf Leute, die zwischen unseren offensichtlichen Fähigkeiten und den vorhandenen Büchern einen Zusammenhang erkennen und uns für ihre eigenen Regale kaufen.
Ich stehe also in einem Bücherladen, der sich Antiquariat Halkyone nennt. In vielen Regalen stehen unterschiedlich kleine und große, dicke und dünne Bücher, denen man ansieht, dass sie oft gelesen, durchblättert und betrachtet wurden. Obwohl sie recht alt sind und viel gebraucht wurden, machen sie einen gepflegten Eindruck. Einbandseiten wurden repariert, Risse in den Seiten wieder zusammen geklebt. Sie sind gut belüftet, und auch der Raum riecht nicht nach altem Papier, das oft angefasst wurde.
Ich, die Bücherbürste, erzähle Euch das so ausführlich, weil mir die Bücher erlauben, zu ihnen zu kommen in den Nächten, wenn alles still ist, kein Mensch mehr da ist, nur die Straßenbeleuchtung ein wenig Licht hereinlässt. Von allen Seiten flüstern sie mir dann ihre Geschichten zu und erzählen die oft dramatischen, aber auch fröhlichen Inhalte ihres Inneren. Sie überstürzen sich fast mit ihren Erzählungen, weil die ihnen anvertrauten Informationen so wichtig sind. Es ist wie bei den Menschen, die lesen und ganz hingerissen sind von den Geschichten, und die diese Gedanken und Gefühle mitempfinden.
Ich glaube, dass das Wort Halkyone bei der Bezeichnung meines Antiquariats auf eine bestimmte Bedeutung hinweisen soll. Die ganz genaue Übersetzung aus dem Altgriechischen ist Eisvogel. Das Weibchen hatte zur damaligen Zeit um die Wintersonnenwende (14 Tage im Dezember) gebrütet. Ihr war diese Zeit, in der das Wetter beständig war, Windstille auf See herrschte und das Meer ruhig und leicht befahrbar war, von den Göttern geschenkt worden. Eine solche halkyonische Zeit wünscht sich das Antiquariat für seine hellwache und neugierige Kundschaft. Sie ist eine Einladung, sich in die Welt der Bücher zu versenken und ihr Geheimnis in unserer Welt zu erhalten.

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