Samstag, 11. Juni 2016

Der Besuch bei der Verlegerin



Maren
Der Besuch bei ihrer Verlegerin ist auf morgen Vormittag verschoben worden, so dass sie den ersten Abend selbst gestalten muss. Diese unverhoffte freie Zeit kommt ihr sehr entgegen. Nun kann sie sich treiben lassen und ganz ihrem Gefühl nach durch den von ihr so geliebten Hafen elbabwärts schlendern.
Die Silhouette auf der anderen Seite des Stroms glänzt und blinkt. Kräne, die ihre weit ausholenden Arme mit Lichterketten markieren. Geräusche, die zu ihr herüber blöken, schallen, tönen und piepen.
Van Carrier unterbrechen das große Lichtgebinde. Sie tragen die Container vom hochausähnlichen Stapel ab und verschwinden damit in hintere dunkle Bereiche. Große Schiffe, denen nur eine kurze Schlafzeit zugestanden wird, bereiten sich auf ihre weite Reise über die Meere vor.
In einem Seitenarm des Stroms spiegelt sich auf dem öligen Wasser der Schein der mächtigen Flammen, die die nahe gelegenen Raffinerien entlassen. Rot und Lila vermengen sich mit Gelb. Sie möchte dort nicht eintauchen.
Sie atmet den Fluss ein. Das schnell fließende, dunkle, brackige Wasser mit Strudeln und Treibholz spült Erinnerung frei.
Hier hatte die Verlegerin sie damals angerufen: Ihr Manuskript wäre angenommen und würde verlegt werden.
Sie hatte sich damals am Strand in den Sand gelegt und versucht die Sterne zu zählen, die sich in den letzten Abendwolken zeigten. Ihr Glücksgefühl war für immer verbunden mit dem Ort, an dem sie jetzt inne hielt, den Fluss roch und die Wellen klatschen hörte.


 „Sie besucht ihre Verlegerin. Sie kommt gern am Abend, wenn sich die Lichter in den vielen Wasserarmen spiegeln und der Lärm der Räder wie aus großer Tiefe zurückgeworfen wird.“

Impulsgeber war dieser Ausschnitt aus Marie Luise Kaschnitz, Orte – Aufzeichnungen, 1973
 

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