Maren
Der
Besuch bei ihrer Verlegerin ist auf morgen Vormittag verschoben worden, so dass
sie den ersten Abend selbst gestalten muss. Diese unverhoffte freie Zeit kommt
ihr sehr entgegen. Nun kann sie sich treiben lassen und ganz ihrem Gefühl nach
durch den von ihr so geliebten Hafen elbabwärts schlendern.
Die
Silhouette auf der anderen Seite des Stroms glänzt und blinkt. Kräne, die ihre
weit ausholenden Arme mit Lichterketten markieren. Geräusche, die zu ihr
herüber blöken, schallen, tönen und piepen.
Van
Carrier unterbrechen das große Lichtgebinde. Sie tragen die Container vom
hochausähnlichen Stapel ab und verschwinden damit in hintere dunkle Bereiche.
Große Schiffe, denen nur eine kurze Schlafzeit zugestanden wird, bereiten sich
auf ihre weite Reise über die Meere vor.
In
einem Seitenarm des Stroms spiegelt sich auf dem öligen Wasser der Schein der
mächtigen Flammen, die die nahe gelegenen Raffinerien entlassen. Rot und Lila
vermengen sich mit Gelb. Sie möchte dort nicht eintauchen.
Sie
atmet den Fluss ein. Das schnell fließende, dunkle, brackige Wasser mit
Strudeln und Treibholz spült Erinnerung frei.
Hier
hatte die Verlegerin sie damals angerufen: Ihr Manuskript wäre angenommen und
würde verlegt werden.
Sie
hatte sich damals am Strand in den Sand gelegt und versucht die Sterne zu
zählen, die sich in den letzten Abendwolken zeigten. Ihr Glücksgefühl war für
immer verbunden mit dem Ort, an dem sie jetzt inne hielt, den Fluss roch und die
Wellen klatschen hörte.
„Sie besucht ihre Verlegerin. Sie kommt gern
am Abend, wenn sich die Lichter in den vielen Wasserarmen spiegeln und der Lärm
der Räder wie aus großer Tiefe zurückgeworfen wird.“
Impulsgeber
war dieser Ausschnitt aus Marie Luise Kaschnitz, Orte – Aufzeichnungen, 1973
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