Samstag, 11. Juni 2016

Ich besuche meine Verlegerin



Wendula

Ich komme gerne zu einem Abendtermin, wenn sich die Lichter in den vielen Wasserarmen der Alster spiegeln und der Lärm der Autos wie aus weiter Ferne zurückgeworfen wird. Immer versuche ich, wenn ein Termin im Sommer abgemacht ist, die Zeit zu finden, mit dem Alsterdampfer zu fahren. Dann genieße ich das immer noch
bunte Treiben auf der Alster - große und kleine Ruderboote, Segelboote, Stand-up Paddler und Tretbootfahrer.
Die untergehende Sonne macht die Segelboote zu Märchenerscheinungen. Goldene Dreiecke bewegen sich langsam auf der dunklen Wasseroberfläche. Der Alsterdampfer bringt mich in die Kanäle, vorbei an verschlossenen Villengärten. Auch Schrebergärten liegen an der Strecke, die Bewohner sitzen am Wasser und winken.
Es ist still, Bäume spiegeln sich im Wasser, alles ist verwunschen und lädt ein zum Träumen. Aber die Verlegerin wartet und ganz plötzlich überfällt mich wieder mein Angstgefühl, dass sie am Ende meinen Roman doch nicht verlegen will oder, was halb so schlimm wäre, sie gibt mir den Rat, mich noch mal mit der Lektorin zusammenzusetzen.
Ich höre förmlich ihre Worte: "Frau W., irgendwie finde ich den Roman interessant, aber zu viel bleibt rätselhaft. Es ist noch einiges zu tun!"
Ob ich dann den Mut habe ihr zu sagen: "Aber  genau das habe ich doch gewollt, der Leser soll mitdenken, soll seine eigenen Schlüsse ziehen!"
Ja, wenn, wenn ich nicht wieder von ihrer diktatorischen Art ins Bockshorn gejagt werden würde!


 „Sie besucht ihre Verlegerin. Sie kommt gern am Abend, wenn sich die Lichter in den vielen Wasserarmen spiegeln und der Lärm der Räder wie aus großer Tiefe zurückgeworfen wird.“
Impulsgeber war dieser Ausschnitt aus Marie Luise Kaschnitz, Orte – Aufzeichnungen, 1973

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